Mittwoch, 07. Januar 2009, 03:38:15 Uhr, NZZ Online
Jürg Buschor
China ist die vielzitierte «Werkstatt der Welt» – auch ein Grossteil der weltweiten Produktion von Sportschuhen ist längst in das Billiglohnland verlegt worden. Von dieser Entwicklung nicht – oder nur bedingt – betroffen zu sein scheinen die hochwertigen Trekkingschuhe (u. a. von Lowa, Hanwag, Scarpa und La Sportiva), die trotz höheren Lohnkosten weiterhin in Produktionsländern wie Deutschland oder Italien gefertigt werden. In absehbarer Zeit werde sich daran auch nicht viel ändern, sagt Christian Ludy. Der Leiter der Qualitätssicherungsabteilung des deutschen Schuhfabrikanten Lowa geht davon aus, dass bei einer Produktionsauslagerung in ein Billiglohnland die Fertigungsqualität leiden würde: «Die Herstellung von hochwertigen Schuhen ist eine reine Erfahrungssache, bei der das Wissen jedes einzelnen Mitarbeiters zählt. Und diese Kenntnisse haben sich bei traditionsreichen Marken über die Jahrzehnte kumuliert.»
Ein Trekkingschuh ist ein komplexes Produkt. Der Lowa Trekker zum Beispiel besteht aus 192 Einzelteilen, 65 Meter Nähfaden und 200 Gramm Klebstoff. Der Schuh ist jedoch nicht nur die Summe seiner Einzelteile. Mindestens so wichtig wie die Qualität der Komponenten ist die Handwerkskunst, mit der die Einzelteile zu einem Ganzen zusammengefügt werden. Übung ist alles, wenn es darum geht, die Innensohle (oder Brandsohle) unter dem Leisten zu befestigen, den Schuhschaft über dem Leisten anzuformen und zu fixieren – oder, wie es im Fachjargon heisst, zu «zwicken» – und die Laufsohle anzubringen.
Auch die Entwicklung des Leistens ist mit viel Erfahrung verbunden. Deshalb vermögen die Passformen der Trekkingschuhe von traditionsreichen europäischen Herstellern in der Praxis zu überzeugen. Es ist dieses unscheinbare, einem Fuss nachempfundene Kunststoffteil, das dem Schuh seine spätere Form gibt und das darüber entscheidet, ob der Schuh perfekt sitzt und Stabilität bringt. Für jeden Typ von Schuh gibt es spezielle Leisten, die nach Erfahrungswerten modelliert werden. Mittlerweile ist es bei guten Wanderschuhen die Regel, dass die Modelle für Frauen über einem speziellen Damenleisten gefertigt werden. Diese sind meist schmaler im Ballenbereich, höher im Ristbereich und schlanker in der Ferse. Weil die Evolution des Menschen nie aufhört und der Fuss erwiesenermassen immer breiter und grösser wird, müssen auch die Leisten weiterentwickelt werden. Mitunter diese Erfahrung sichert die europäischen Arbeitsplätze.
Wer sich oft in unwegsamem Gelände bewegt und schwere Rucksäcke trägt, ist mit einem soliden Wanderschuh bestens bedient. Der hohe, gepolsterte und stabilisierende Schaft schützt die empfindlichen Sprunggelenke. Er verhindert ein Wegknicken des Fusses, schützt die Gelenke vor Verletzungen durch Felsen und verhindert das Eindringen von Wasser und Schmutz. Die Schafthöhe ist ein guter Indikator für die zu erwartende Stabilität. Damit das Laufverhalten nicht beeinträchtigt wird, darf der Schaft die fürs Gehen notwendigen Vor- und Rückwärtsbewegungen des Fussgelenks nicht beeinträchtigen. Sicherheit und gutes Laufverhalten unter einen Hut zu bringen, ist gar nicht so einfach: Nur durchdachte, aufwendig konstruierte Modelle erfüllen beide Kriterien.
Für einen stabilen und bequemen Schaft werden zahlreiche verschiedene Materialien miteinander kombiniert: Innenfutter, eventuell Membran und/oder Isolationsmaterial, Polstermaterial, stabilisierende Elemente und das Aussenmaterial. Je mehr davon eingesetzt wird, desto stärker wird in der Regel die Wasserdampfdurchlässigkeit eingeschränkt. Das heisst, die Stabilität geht oft zulasten des Fussklimas. Wer vor allem in kühlen alpinen Regionen unterwegs ist, sollte die Stabilität dem Klimakomfort vorziehen. Wer jedoch vornehmlich im Sommer und in tiefen Lagen wandert und erst noch übermässig schwitzt, darf den Klimakomfort keinesfalls vernachlässigen.
Denn Physiologen wissen, dass der Mensch einzig am Kopf und an den Händen mehr schwitzt als an den Füssen. Jeder Quadratzentimeter am Fuss hat bis zu 180 stimulierbare Schweissdrüsen, die bei einer achtstündigen Wanderung rund 200 Gramm Schweiss ausscheiden. Dieser sollte so schnell wie möglich nach aussen abgegeben werden. Als Grundvoraussetzung dafür gilt, dass man funktionelle Socken (also keinesfalls Baumwollsocken) trägt und den Schuh nicht mit öl- oder fetthaltigen Pflegemitteln «dicht» macht. Textile Innenfutter wärmen, Innenfutter aus Leder sind temperaturmässig eher neutral, weshalb immer noch viele Wanderer auf Lederschuhe schwören. Sicher ist, dass Lederinnenfutter viel Feuchtigkeit aufnehmen können, diese aber nur langsam wieder abgeben und darum eine längere Trocknungszeit benötigen. Dafür passen sie sich sehr gut dem Fuss an und riechen auch nach mehrtägigen Wanderungen noch vergleichsweise harmlos.
Das bevorzugte Obermaterial ist in den meisten Fällen immer noch Leder. Je leichter und wasserdampfdurchlässiger der Schuh sein soll, desto öfter greifen die Hersteller auch zu Textileinsätzen (wie Mesh oder Gewebe aus Cordura). Leder ist ein Naturprodukt, was dazu führt, dass die Sicherstellung einer gleichbleibend hohen Qualität aufwendig ist. Generell unterscheidet man folgende Qualitäten: Das Glattleder und das Nubukleder werden aus den oberen Hautschichten gewonnen. In diesem Bereich sind die Lederfasern eng strukturiert, was das Leder sehr robust werden lässt. Die Wasserdampfdurchlässigkeit wird durch die enge Struktur erschwert. Das Nubukleder ist leicht angeschliffen und deshalb – im Gegensatz zum Glattleder – unempfindlich auf Kratzer. Das Veloursleder (oder auch Spaltleder) wird aus den mittleren Hautschichten gewonnen, indem die sechs bis acht Millimeter dicke Tierhaut gespalten wird. Die Lederfasern sind gut sichtbar, die grobe Oberflächenstruktur macht das Leder kratzunempfindlich und robust. Die Lederfaserstruktur ist lockerer, weshalb das Leder wasserdampfdurchlässiger ist. Gleichzeitig sind die Dehnfähigkeit und die Reissfestigkeit etwas reduziert.
Neu erworben, ist jeder Trekkingschuh gut imprägniert – und das Wasser perlt ab. Kommen die Schuhe aber im Einsatz regelmässig mit Wasser in Kontakt, werden die Wachsstoffe ausgeschwemmt, die das Leder weich und geschmeidig halten. Das Leder trocknet aus, wird brüchig, und es bilden sich kleine Risse. Durch das Austrocknen zieht sich das Leder zusammen, verliert seine ursprüngliche Form und biegt vorne auf. Durch das reduzierte Volumen können gar das Futter und die Membrane im Zehenbereich aufgescheuert werden. Ein hartes, ausgetrocknetes Leder nimmt die Bewegung nicht mehr auf und verteilt die einwirkenden Kräfte auf die umliegenden Nähte, die in der Folge reissen können. Perlt das Wasser nicht ab, saugt sich das Leder voll und reduziert die Wasserdampfdurchlässigkeit und damit den Klimakomfort im Innern des Schuhs. Grund genug, dem Leder regelmässig die nötige Pflege zukommen zu lassen. Am besten eigenen sich spezielle Lederpflegemittel auf Wachsbasis. Dabei gilt: Finger weg von auf Öl oder Fett basierenden Pflegemitteln – diese halten zwar das Wasser ab, dichten den Schuh aber so weit ab, dass auch kein Schweiss mehr nach aussen transportiert wird.
Die unterschiedliche Bodenbeschaffenheit der Pfade stellt auch an das Schuhwerk hohe Anforderungen. Damit die Sohle sicheren Halt bieten kann, ist ein grobstolliges, gut verteiltes Profil unabdingbar. Doch auch das beste Profil bringt nichts, wenn die verwendete Gummimischung zu hart oder zu weich ist. Ist der Gummi zu hart, vermag er vielleicht mit hoher Abriebfestigkeit zu überzeugen, doch fehlt ihm auf den verschiedenen Unterlagen der «Grip», was bedeutet, dass man leicht wegrutscht. Im Gegensatz dazu ist die zu weiche Sohlenvariante zwar sehr griffig, sie nutzt sich aber schnell ab und verliert so innert Kürze die Griffigkeit. Die Mischung macht es also aus. Um Misstritten vorzubeugen, muss die Sohle über markante und griffige «Kanten» verfügen und möglichst verwindungssteif sein. Eine solche Konstruktion stabilisiert die seitlichen Bewegungen des Fusses. Je härter die Sohle ist, desto eher kann man im alpinen Gelände auf einer schmalen Leiste stehen. Ist die Sohle steif und torsionsfest, ist es umso wichtiger, dass sie so geformt ist, dass ein angenehmes Abrollen möglich ist.
Sind Sohle und Schuhschaft passend konstruiert, fehlt für einen zuverlässigen und unverrückbaren Halt nur noch die Schnürung. Sie schafft im Idealfall einen perfekten Sitz, ohne dass dabei am Fuss Druckstellen entstehen, die Blutzirkulation beeinträchtigt wird oder die Sehnen scheuern. Gute Schnürungen beginnen im Bereich des Zehenansatzes und reichen bis unter den Rand des Schuhschafts. Je mehr Ösen als Fixierungspunkte vorhanden sind, desto individueller kann der Schuh geschnürt werden. In der Praxis haben sich auch Verschlusspunkte bewährt, mit denen die Schnürsenkel im Bereich der Schuhfalte blockiert werden. So kann im Vorfuss und am Sprunggelenk ein unterschiedlicher Schnürungsdruck herbeigeführt werden: Der Fuss sitzt sicher im Schuh, es entstehen keine Druckstellen im Achillessehnenbereich – und weder die Bewegungsfreiheit des Fussgelenks noch die Blutzirkulation werden eingeschränkt. Auch ein Tiefzughaken hat sich bewährt. Er bewirkt, dass die Ferse gut in der Fersenbox des Schuhs fixiert wird. Bei der Schnürung ist darauf zu achten, dass die Schnürsenkel leicht durch die Ösen gleiten. Die Schnürsenkel sollten nicht zu starr sein, weil sich sonst der Knoten schnell wieder löst. Ausserdem ist darauf zu achten, dass Mantel und Kern hydrophob sind, damit das Wasser nicht über die Schnürsenkel «angesogen» wird. Richtig geschnürt, kann es losgehen auf die grosse Trekkingtour – komfortabel und (hoffentlich) blasenfrei!
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