Dienstag, 06. Januar 2009, 05:19:07 Uhr, NZZ Online
Caroline Fink
Bis Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist die Schweiz punkto Klettersteige in einem Dornröschenschlaf gelegen. Die Wende kam erst mit der Eröffnung der ersten touristischen Via Ferrata im Jahr 1993 oberhalb der Tällihütte im Berner Oberland: Seither wurden in der Schweiz um die 40 Steige in den Fels gedrillt, und über 35'000 Personen sind gemäss einer Erhebung der Alpinen Rettung Schweiz auf diesen unterwegs. Die Attraktivität der vertikalen Eisenwege ist augenfällig: Sie bieten Laien mit minimalen alpinen Kenntnissen ein Bergerlebnis. Trotz den guten Sicherungsmöglichkeiten am durchgehenden Drahtseil sind die eisernen Wege aber nicht frei von alpinen Risiken.
So spüren die steigende Popularität dieses Bergsports nicht nur die Tourismusregionen, sondern auch die Bergrettungsorganisationen. «Seit einigen Jahren müssen vermehrt Klettersteigbegeher gerettet werden», sagt der Bergführer und Unfallstatistiker Ueli Mosimann. So wurden gemäss Bergnotfallstatistik des Schweizer Alpenclubs (SAC) zwischen 2002 und 2006 insgesamt 95 Klettersteigbegeher gerettet; allein 33 Personen davon am Daubenhorn bei Leukerbad, dem mit 1000 Metern Höhe längsten Klettersteig der Schweiz.
Interessanter als die absoluten Zahlen sind laut Mosimann aber die Gründe, die zu Rettungen führten: «Insgesamt 71 Prozent der dokumentierten 95 Evakuationen waren auf Blockierungen zurückzuführen.» Als solche gelten Situationen, in denen sich «unverletzte Bergsportler aus eigener Kraft nicht mehr vor oder zurück» bewegen können, meint der Fachmann. Dieser Wert liegt signifikant höher als bei anderen Bergsportarten. Bei Kletterern etwa erfolgen laut Mosimann nur 37 Prozent aller Rettungen aufgrund einer Blockierung. Aus seiner Sicht deutet dieses Ergebnis auf eine spezifische Problematik der Klettersteige hin: Begeher, die sont kein alpinistisches Wissen haben, zeigten Mühe mit der korrekten Einschätzung ihrer eigenen Kräfte und der Umgebung eines Klettersteigs.
Ein Blick auf das Zielpublikum der Installationen stützt Mosimanns These: Klettersteige ermöglichen «einem grossen Personenkreis ohne allzu grosse Vorkenntnisse» ein Bergerlebnis in «vergleichsweise extremem Gelände», schreibt der Umweltingenieur Jascha Schmid, der sich im Rahmen einer Diplomarbeit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Und auch in der Einzelfallanalyse der SAC-Statistik zeigt sich die eigene Fehleinschätzung mancher Klettersteigbegeher. So weiss Mosimann von mehreren Fällen, in denen Bergsportler wegen Unterarmkrämpfen Alarm schlagen mussten oder wegen eines falschen Zeitmanagements in Bergnot gerieten.
Doch nebst dem Kennen der eigenen Kraftreserven sollten beim Klettersteigbegehen auch grundsätzliche alpinistische Kenntnisse – besonders in den Bereichen Meteorologie, Material und Sturzphysik – nicht zu kurz kommen. Denn allzu oft wird vergessen, dass etwa ein Sturz auf einer Via Ferrata wesentlich heikler sein kann als ein Sturz in einer Kletterroute und Klettersteigbegeher während Gewittern gefährdeter sind als andere Bergsportler. Dass in der Schweiz bisher kein Unfall wegen Blitzschlag passierte, wertet Mosimann selbst als «erstaunlich». Während eines Gewitters reiche ein Blitzschlag 100 Meter weit entfernt, um Kletterer am Drahtseil zu gefährden, da dieses wie ein überdimensionierter Blitzableiter wirke. In den Dolomiten seien die Vie Ferrate denn auch seit Jahren berühmt-berüchtigt für schwerwiegende Unfälle bei Gewittern, sagt Mosimann.
Auch im Fall eines Sturzes setzen sich Klettersteigbegeher massiveren Kräften aus als Sportkletterer, insbesondere, wenn sie nicht normgeprüftes Material verwenden. Der Grund dafür liegt in der Konstruktion von Klettersteigen und ihrem negativen Einfluss auf Sturzenergie und Fangstoss (vgl. Kasten). Während Kletterseile sich bei einem Sturz nämlich um bis zu 40 Prozent dehnen und damit den Gestürzten sanft auffangen, hängen Klettersteigbegeher mittels kurzer Seilverbindung an einem statischen Drahtseil. «So entstehen beim Fangstoss Belastungen, die beim Sportklettern nie erreicht werden», meint Ameli Raström, Produktmanagerin bei Mammut. Diese Tatsache führte die Bergsportbranche dazu, spezielle Klettersteigsets zu entwickeln, die den Fangstoss bei einem Sturz auf ein «für Material und Körper erträgliches Mass» reduzieren, sagt Raström. Und ihr Rat, Klettersteigsets nicht aus Bandschlingen zu basteln, ist alles andere als ein Marketingtrick: Tatsächlich kann schon ein Sturz aus zwei Metern Höhe in eine statische Bandschlinge tödliche Folgen haben – wegen Verletzungen der Wirbelsäule oder Materialbruchs.
Aber nicht nur falsches Material, sondern auch falsch verwendetes Material kann fatale Folgen haben, wie ein tödlicher Unfall diesen Sommer in Österreich gezeigt hat: Ein Bergsportler verwendete dabei eine normgeprüfte Ausrüstung von Mammut – und stürzte wegen eines Materialrisses ab. Untersuchungen hätten gezeigt, dass das Opfer den Klettergurt «extrem verdreht» angezogen und das Klettersteigset «in der falschen Schlaufe des Gurts» befestigt habe, betont Raström. Infolge dieser extrem ungünstigen Belastung der Nähte seien diese gerissen. Angesichts solcher Unfälle zeigt sich unter Herstellern eine gewisse Ohnmacht: «Wir tun alles, um Anwendungsfehler auszuschliessen», sagt Raström; es bleibe praktisch unmöglich, alle Fehler vorauszusehen.
Dominik Hunziker, Mediensprecher des Schweizer Bergführerverbands (SBV), appelliert denn auch in erster Linie an die Eigenverantwortung der Begeher von Klettersteigen. Die besondere Stellung der Eisenwege hinsichtlich Verantwortlichkeit illustriert er im Vergleich zu Skipisten und Kletterrouten: Im Gegensatz zu Kletterrouten gälten Vie Ferrate zwar als «Werk mit Baubewilligungspflicht» und erforderten daher vom Erbauer «umfassende Sicherheitskonzepte»; anders als auf Skipisten würden Klettersteige aber bei heiklen Bedingungen nicht gesperrt und es gebe auch keine Patrouillen. Die Installation der eisernen Wege unterliege demnach einem Sicherheitskonzept, deren Begehung liege aber in der Verantwortung des Kletternden, erläutert Hunziker.
Was das hohe Mass an Eigenverantwortung angeht, so gehören die – von Bergsteigern lange Zeit belächelten – Klettersteigbegeher demnach klar zur Gilde der Alpinisten. Wie anderen Bergsportlern auch steht ihnen ausserdem technisches Material der neuesten Generation zur Verfügung. Und hier schlägt Mosimann den Bogen zu einer weiteren – der vielleicht wichtigsten – Gemeinsamkeit aller Bergsportler. «Am Material fehlt es selten», sagt der Unfallstatistiker und meint eigentlich: Egal, ob Kletterer, Hochtourer oder Klettersteigbegeher – die grösste Gefahr im Bergsport stellen immer die Bergsportler selbst dar. Dies gilt auch für die 35 000 Begeher der 40 Schweizer Klettersteige.
fin. Bei Stürzen in Klettersteigen wirken höhere Kräfte als bei solchen in Kletterrouten. Ersichtlich wird dies bei der Berechnung von Sturzfaktor und Fangstoss. Dabei errechnet sich der Sturzfaktor aus der Sturzhöhe, geteilt durch die gesamte Länge des dehnbaren Seilstücks, welches den Sturz abfängt (Anmerkung: Kletterseile dehnen sich bei einem Sturz um bis zu 40%). Fällt ein von unten per Seil gesicherter Kletterer also 5 Meter tief, nachdem er 20 Meter hochgeklettert ist, liegt der Sturzfaktor bei 0,25 (5 m/20 m). Beim Klettersteiggeher aber, der an einem statischen Drahtseil gesichert wird, vermindert sich die Länge des (dehnbaren) Seilstücks auf einen Meter – nämlich die Länge des Bremsbandes. Stürzt also ein Klettersteiggeher fünf Meter tief, liegt sein Sturzfaktor bei 5 (5 m/1m). Zum Vergleich: Kletterseile werden in einem Standardverfahren mit einem Sturzfaktor 1,77 getestet; ein Sturzfaktor 2 kann aufgrund der Krafteinwirkung auf Mensch und Material schon tödliche Folgen haben. Klettersteigsets kompensieren die fehlende Seildehnung mittels spezieller Bremselemente. Diese reduzieren den Fangstoss auf einen von Kletterer und Material tolerierbaren Fangstoss von maximal 600 Kilogramm (6 KN).
Alpinistische Literatur:
Die magische Zahl
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