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  • 21. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Im wilden Süden Frankreichs

    Im wilden Süden Frankreichs

    Eine Wanderung über die Hochfläche des Causse Méjean

    Lavendelfeld im Süden Frankreichs Lavendelfeld im Süden Frankreichs. (Bild: pd)
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    Der südfranzösische Causse Méjean vereinigt landschaftliche wie klimatische Extreme. Karge, einsame Hochebenen wechseln ab mit tiefen Schluchten und bewaldeten Flussufern. Im Sommer herrscht brütende Hitze, im Winter toben eisige Schneestürme.

    Ulrich Willenberg

    Gleichermassen unwirtlich wie faszinierend präsentiert sich dieses Plateau im Westen des Nationalparks der Cevennen. Stachelige Silberdisteln krallen sich im felsigen Boden fest, auch Lavendelbüsche, Wacholder und Ginster trotzen den extremen Witterungsbedingungen. Im Sommer tanzen Schmetterlinge um die wenigen Blümchen, die sich ihren Weg zwischen den glühenden Steinen bahnen. Weisse Schäfchenwolken werfen dunkle Schatten auf das ausgedorrte, helle Kalkmassiv. Im August steigt das Thermometer auf brütende 40 Grad. Bei Temperaturen bis 20 Grad Minus versinkt die Hochfläche im Winter unter einer meterhohen Schneedecke. Einst war der bis 1200 Meter hoch gelegene Causse Méjean mit dichten Laubwäldern bewachsen, heute finden sich nur noch am Westrand Reste des alten Bestandes. Die Eichen, Buchen und Kiefern mussten vor Hunderten von Jahren der Schafzucht weichen. Zurück blieb eine Karstlandschaft mit weitgehend unfruchtbaren Flächen.

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    Zäher Menschenschlag

    Die Oasen erscheinen wie winzige Äcker und Felder, die weit versprenkelt in kleinen Senken angelegt wurden. In diesen sogenannten Dolinen sammelt sich das Regenwasser und verwandelt den Kalk in rote fruchtbare Erde. Auf den Parzellen von der Grösse eines Schrebergartens ernten die Bauern Kartoffeln und Getreide. Das wirtschaftliche Rückgrat der Bevölkerung ist allerdings die Schafzucht. Nur einige hundert Menschen verlieren sich in entfernt verstreuten Weilern. Dieser zähe Menschenschlag teilt sich die 33 000 Hektaren grosse Fläche mit rund 18 000 Schafen, aus deren Milch der berühmte Roquefort hergestellt wird. Ohne Subventionen könnten viele Bauern in dieser Region, die zu den ärmsten Frankreichs zählt, nicht überleben. Die Ruinen von verlassenen Dörfern sind sichtbare Zeichen der Landflucht. Mit der Zeit verschmelzen die verfallenen Katen mit der Steinwüste ringsherum.

    Bereits vor Jahrzehnten aufgegeben wurde der Weiler Fretma. Das gewölbeartige Dach und die hölzernen Zwischendecken des einst stattlichen Anwesens sind eingestürzt, im Keller sammelt sich das Regenwasser. Aus den Trümmern wachsen gelbe und rote Königskerzen. Eidechsen huschen über die Reste des hellen Trockenmauerwerks aus Kalkstein. Fernab menschlicher Betriebsamkeit werden die Sinne geweckt für die Geräusche der Natur und das Gesumme der Insekten. Ein idealer Platz zum Ausruhen und Träumen, und so suchen Wanderer den Schatten der Ruine gerne für eine Rast auf.

    Ab und zu zerreisst der Schrei eines Gänsegeiers die Stille. Diesen einst verhassten Raubvogel haben Tierfreunde seit den 1980er Jahren am Rand des Causse Méjean wieder angesiedelt. Inzwischen leben 50 Exemplare in den Felsen oberhalb der Ortschaft Le Rozier an der Mündung der Flüsse Jonte und Tarn. Von den Steilwänden schwingen sich die Geier auf zu ihrem eleganten Flug über Schluchten und Hochflächen. Mit einer Spannweite von fast drei Metern gleiten sie kaum hörbar über die Köpfe der Wanderer.

    Hier an der Abbruchkante des Causse Méjean ändert sich das Landschaftsbild dramatisch. Eindrücklich ist der Blick hinab zu den grünblau schimmernden Gewässern von Tarn und Jonte. Über Jahrmillionen hinweg schliffen diese Flüsse bis zu 500 Meter tiefe Cañons in das weiche Kalkgestein, das zuvor eine zusammenhängende Fläche bildete. Gleich einer zerteilten Torte blieben vier grosse, isolierte Hochflächen zurück: Causse Méjean, Causse Larzac, Causse Noir und Causse Sauveterre. Die Tafelberge entwickelten mit der Zeit einen unterschiedlichen Charakter.

    Tief unten in der Schlucht des Tarn tummeln sich im Sommer zahlreiche Kanuten und Rafting-Fans. Bald plätschert das Gewässer gemächlich in seinem Kiesbett dahin, bald zeigt es sich unbändig und wild aufschäumend. Boote können entlang des Flusses ausgeliehen werden. Kleinbusse transportieren diese an den Ausgangspunkt der Tour zurück. Abenteuerlich windet sich die schmale, kurvige Uferstrasse durch kleine Tunnels und unter überhängenden Felsen hindurch. Sechzig Meter über dem Fluss gelegen, scheint die Burgruine von Castelbouc aus einer Felsspitze herauszuwachsen. Ihre Bewohner lebten einst nicht schlecht von den Wegzöllen, die sie den Reisenden abknöpften. Die Zeiten sind vorbei, heutzutage werden Besucher stattdessen durch Autobahngebühren geschröpft.

    Phantasievolle Gebilde aus Tropfstein

    Gespeist durch versickerten Regen, durchziehen Bachläufe das Innere des Causse Méjean. Im Untergrund haben Gewässer wahre Kunstwerke aus dem porösen Gestein modelliert. Eine Zahnradbahn entführt in die surreale Märchenwelt des Aven Armand, einer der gewaltigsten Tropfsteinhöhlen der Welt. Von Scheinwerfern erleuchtet, recken sich 400 Stalagmiten bis zu 30 Meter in die Höhe und beflügeln die Phantasie der fröstelnden Touristen. Einige der Skulpturen erinnern an Palmen, andere wiederum an riesige Maiskolben, in deren Schatten sich kleine Gnome ducken. Manche der Gebilde aus Tropfstein sind nur eine Hand breit, einige dagegen so dick wie eine Eiche. Von der 45 Meter hohen Kuppel des Aven Armand wachsen ihnen Stalaktiten entgegen, die wie zähes Caramel von der Decke zu tropfen scheinen. Viel fehlte nicht, und die Kirche von Notre-Dame fände Platz in dem 100 Meter langen und 60 Meter breiten Schlund. Andächtiges Staunen erfasst denn auch die Besucher der unterirdischen Kathedrale. Wie bei einer kirchlichen Prozession schreiten sie im Gänsemarsch über die Stege rings um die Tropfsteinhöhle. Hunderte von Lämpchen weisen den Weg und verstärken die festliche Atmosphäre. Ein Fremdenführer verleiht seinem Vortrag den Charakter einer Predigt. Auf den Einsatz der Orgel und den Chor seiner Gemeinde wartet man indes vergebens.

     

    Gut zu wissen

    Gut zu wissen

    Anreise: Die Ortschaft Le Rozier ist kompliziert zu erreichen. Wer im Flugzeug anreist, kann beispielsweise ab Montpellier die verbleibenden knapp 200 Kilometer nach Millau und bis Le Rozier im Mietwagen zurücklegen. Wer im Zug reist, kann ebenfalls bis Millau im Süden oder bis Mende im Norden der Tarn-Schlucht fahren und von dort entweder im Mietauto oder im Taxi weiterreisen. Wer mit dem eigenen Auto unterwegs ist, sollte die Autobahn 75 wählen, die ab Clermond-Ferrand gebührenfrei ist. Beste Reisezeiten sind Frühling und Herbst.

    Unterkunft: Auf dem Causse Méjean selber gibt es keine Hotels. Zahlreiche Unterkünfte und gute Restaurants finden sich aber in Le Rozier. Buchungen bei www.francehotelreservation.com. Die Kleinstadt an der Jonte ist ein guter Ausgangspunkt für Ausflüge auf den Causse Méjean.

    Literatur: Michelin-Reiseführer «Pyrenäen, Roussillon, Gorges du Tarn». Oder vor Ort zu kaufen: «Die Schluchten des Tarn», MSM.

    Informationen: Office de Tourisme Vallée et Gorges du Tarn, F-12640 Rivière sur Tarn, Telefon 0033 565 597 428, www.ot-gorgesdutarn.com.


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