Dienstag, 06. Januar 2009, 20:03:00 Uhr, NZZ Online
Charles E. Ritterband
Wieder einmal steht man im Stau auf der trostlosen Kantonsstrasse durch die Magadino-Ebene, zwischen der Autobahnausfahrt Bellinzona Süd und Quartino, der Verzweigung Richtung Locarno oder Magadino–Luino. Man ärgert sich über den stockenden Kolonnenverkehr, bis man endlich in Quartino rechts einbiegt. Ein Schild fehlt zwar, doch vage erinnert man sich an die Zufahrt durch Nebenstrassen, Fahrverbote und unter der Bahnlinie hindurch zum Ziel: Scuderia La Bolla, ein kleiner, idyllischer Reitstall am Waldrand. Rasch sind die Pferde gesattelt, und die Einerkolonne setzt sich in Bewegung; Yvonne, die Reitstallbesitzerin, freundlich, aber resolut, an der Spitze. Wohin geht der Ausritt? Vorgesehen ist eine vierstündige Tour, mit Picknick auf halbem Weg. Wir kommen vorbei an eingezäunten Weiden, auf denen Pferde grasen und ihre vorbeiziehenden Artgenossen wiehernd begrüssen. Alles erinnert irgendwie an Argentinien, an die Estancias, die Farmen, wo man sich nur per Pferd von Ort zu Ort bewegte. Allerdings sind hier die Berge nicht kahl wie in den Anden, sondern von undurchdringlichen Wäldern bedeckt.
Der Dammweg längs des Ticino ist erreicht, ein erster Trab, dann Galopp. Das ist nicht mehr die Magadino-Ebene der Industriezonen, der gesichtslosen Dörfchen und der Hauptstrasse mit der zähflüssigen Verkehrslawine. All dies scheint nun weit weg. Ab jetzt begegnen wir vier Stunden lang keinem Auto – ausser beim zweimaligen Überqueren des Ticino auf Strassenbrücken. Selbst Verkehrslärm ist hier nicht zu vernehmen. Die Magadino-Ebene mit ihren grossen Distanzen ist ein ideales Reitgelände. Hier reitet man entlang der Dammwege, und im Winter galoppiert man über die ausgedehnten Wiesen im Schwemmgebiet des Flusses. Zuerst geht es vorbei an verschiedenen Zivilisationsphänomenen: eine intensiv benützte Gokart-Bahn zur Rechten, dann ein Wohnwagenpark zur Linken. Dicht stehen die Gefährte aneinander, doch die Bewohner dieses permanenten Provisoriums haben sich's idyllisch eingerichtet. Kuhherden weiden friedlich, zwei Esel nähern sich der Reiterkolonne. Jogger, Velofahrer und Leute, die ihre Hunde spazieren führen, werden immer seltener. Und plötzlich gibt es nur noch grüne, üppige Natur. Fast fühlt man sich in die Urwälder Südamerikas versetzt. Wir dringen ein in eine subtropische Sphäre mit Baumriesen, an die sich der Efeu klammert, von denen Lianen hängen. Mehr als mannshohe violette und leuchtend gelbe Blumen säumen zu Hunderten unseren Weg. Unsere Pferde durchqueren seichte Urwaldbäche. Der Boden ist nass und lehmig, oft galoppieren wir durch tiefe Pfützen. Ringsumher klingen seltsame Vogelstimmen. Wir hätten uns nicht sonderlich gewundert, wäre eine Anaconda zusammengerollt am Wegrand gelegen oder ein Indio mit bemaltem Antlitz aus dem Dickicht aufgetaucht. Plötzlich versperrt aber ein mächtiger, quer über den Pfad gestürzter Baumstamm den Weg. Mühsam müssen wir die Pferde zur Kehrtwendung bewegen; dann geht es weiter durch den immer undurchdringlicher werdenden Tessiner Urwald. Der Ticino mit seinem Rauschen und Tosen ist unser ständiger Begleiter.
Anreise: Verschiedene Reitställe bieten geführte Touren. Reitkenntnisse sind jedoch Voraussetzung. Zu allen Reitställen im Tessin gelangt man am besten mit dem Auto.
Informationen: Die meisten Ställe geben Auskunft auf telefonische Anfrage, manche haben Internet. Infos zur beschriebenen Tour: Yvonne Tosio, Scuderia La Bolla. Telefon 079 331 23 52.
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