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  • 7. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

    «Hinauf, immer weiter hinauf»

    «Hinauf, immer weiter hinauf»

    1958: Bonatti und Mauri besteigen erstmals den Gasherbrum IV

    Im Karakorum-Gebirge in Pakistan an der Grenze zu China: der selten bestiegene Gasherbrum IV. Im Karakorum-Gebirge in Pakistan an der Grenze zu China: der selten bestiegene Gasherbrum IV. (Bild: Robert Bösch)
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    Obschon der 7925 Meter hohe Gasherbrum lV alpinistisch anspruchsvoll ist, blieb er bis heute im Schatten der Achttausender. Seine Erstbesteigung über den Nordostgrat erfolgte am 6. August 1958.

    Christine Kopp

    «Alles hier oben ist äusserst tückisch: Die Schwierigkeit der Kletterei in diesen Passagen liegt im fünften Grad, aber die Höhe, die Kälte und der Wind reiben uns auf, wir kommen kaum voran. Trotzdem: Genau um 12.30 Uhr betreten wir den höchsten Punkt des Gasherbrum IV.»* – Am 6. August 1958 stehen Walter Bonatti und Carlo Mauri als erste Menschen auf dem Gasherbrum IV. Man stelle sich vor: Fünfzig Jahre sind vergangen, und die Route der italienischen Erstbesteiger über den Nordostgrat wurde noch nie wiederholt. Sie führt über einen der unzugänglichsten Grate des pakistanischen Karakorums, ist lang, kompliziert und bietet anspruchsvolle Kletterei auf fast 8000 Metern Höhe. Überhaupt hat der Gasherbrum IV – mit seinen 7925 Metern je nach Zählart der siebzehnt- oder achtzehnthöchste Berg der Erde – bis heute nur eine Handvoll Besteigungen erlebt: Es sollte fast dreissig Jahre dauern, bis wieder jemand auf seinem Hauptgipfel stand (Child, Macartney-Snape und Hargis 1986 über den Nordwestgrat, eine Route, die in den 1990er Jahren zweimal von Koreanern wiederholt wurde). Ein Jahr davor, 1985, hatten Wojciech Kurtyka und Robert Schauer seine Westwand, die «Shining Wall», in einer Parforcetour durchstiegen. Sie kamen erschöpft und bei schlechtem Wetter auf dem Nordgipfel an und machten sich, auf die schwierige Querung zum Hauptgipfel verzichtend, sofort an den Abstieg.

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    Kommerziell uninteressant

    Dass der Gasherbrum IV so wenig besucht wird, weist nicht nur auf die Schwierigkeit einer Besteigung hin: Dem wunderschönen Berg – der Blick auf seine Westwand in der Abendsonne ist unvergesslich – fehlen gerade einmal siebzig Meter zum Achttausender. Während die vierzehn Achttausender heute auch Laien bekannt sind, kennen nur wenige die nächsthöchsten Gipfel. Dabei sind die hohen Siebentausender – Gasherbrum III, Gyachung Kang, Annapurna II, Gasherbrum IV, Kangbachen, Himalchuli usw. – allesamt alpinistisch gesehen sehr interessant und äusserst schwierig. Doch mit einem anspruchsvollen Siebentausender ist im kommerziellen Expeditions-Bergsteigen schlecht Geld zu verdienen. Alpinisten, die individuell reisen, müssen ein sehr hohes Niveau haben, um diesen Berg zu bezwingen.

    Doch zurück zu der Erstbesteigung von Bonatti und Mauri. Die Expedition stand unter der Leitung von Riccardo Cassin; neben Walter Bonatti, einem der grössten Bergsteiger aller Zeiten, und Carlo Mauri, dem hervorragenden Alpinisten aus Lecco, waren Beppe de Francesch, Toni Gobbi und Giuseppe Oberto sowie der Arzt Donato Zeni und der Orientalist Fosco Maraini dabei. Mitte Mai kamen die Männer in Pakistan an; einen guten Monat später, nach achtzehn Tagen Fussmarsch, schlugen sie ihr Basislager auf einer Seitenmoräne des Abruzzi-Gletschers auf. Es folgten fünfzig Tage voller Mühen und Entbehrungen: «Zu den grossen technischen Hindernissen dieses Berges, die wir schon in Italien vorausgesehen hatten, gesellten sich nun die mit der Höhe und dem Wetter verbundenen Schwierigkeiten.» Dann funktionierte der Nachschub nicht, die Bergsteiger in den höheren Lagern litten an Hunger, und schliesslich kam der Monsun.

    Unbefriedigendes Abenteuer

    Ungeachtet aller Hindernisse kämpften sich die Italiener durch zwei schwierige Eisbrüche zum Nordostsattel hoch. Dann rückten sie über den Nordostgrat bis zum Hochlager 6 auf 7350 m vor. Von dort aus gelangten Bonatti und Mauri im zweiten Versuch am 6. August zum Gipfel, wobei sich der Kamm vom Nord- zum Hauptgipfel mit seinen Türmen als schwierigste Passage erwies. Hier zeigte sich die Willensstärke, aber auch die körperliche Zähigkeit und das alpinistische Talent von Walter Bonatti: Bonatti, nur 28 Jahre alt, aber bereits eine Legende, war damals sicherlich einer der wenigen, die dem Gasherbrum IV gewachsen waren. Umso bedauerlicher, dass er selbst, der vier Jahre davor bei der Erstbesteigung des K2 auf grösster Höhe ein offenes Biwak überstanden hatte, seine Glanzleistung nicht richtig geniessen konnte: «Die Expedition war zwar ein Erfolg, was das Erreichen des Gipfels anbelangte, doch die Besteigung des Gasherbrum IV war – wie jene des K2 – auf menschlicher Ebene keineswegs befriedigend.» Bonatti und Mauri fühlten sich von den anderen, abgesehen von de Francesch, im Stich gelassen, und Bonatti empfand ihren Aufstieg eher als «eine alpine Tour als ein grosses Himalaja-Unternehmen» – ein «Stil, der zu jener Zeit eigentlich noch für das Bergsteigen in den Alpen typisch war». Genau darin lag die Einzigartigkeit der Erstbesteigung des Gasherbrum IV: Walter Bonatti, unterstützt von Carlo Mauri, zeigte dabei einmal mehr, dass er bergsteigerisch seiner Zeit voraus war. Am «Leuchtenden Berg» hinterliess er eine bis heute strahlende Spur seines Könnens.

     

    * Walter Bonatti: Berge meines Lebens. AS-Verlag, Zürich 2000.
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