Mittwoch, 07. Januar 2009, 06:01:03 Uhr, NZZ Online
Jürg-Peter Lienhard
Bald wird man mit dem «Tram-Train» zum Parc de Wesserling fahren können. Denn heuer wird die alte Eisenbahnstrecke Mülhausen–Kruth elektrifiziert und dann an den Takt der internationalen Linie Strassburg–Basel angepasst. Der Parc de Wesserling ist ein noch recht wenig bekanntes Ausflugsziel in den südlichen Vogesen und eignet sich sogar für eine Tagesreise ab Zürich. Hier im Tal von Sankt Amarin thront nämlich auf einem Moränenhügel ein kleines Schloss aus dem 17. Jahrhundert. Da drinnen nahm eine faszinierende Geschichte ihren Anfang: die Herstellung von bedruckten Stoffen, den «Indiennes», die durch Wesserling Weltberühmtheit erlangten.
Das Gelände ist rund 35 Hektaren (oder Fussballfelder) gross, worin verstreut – und um den Schlosshügel herum placiert – die historischen Fabrikationsgebäude stehen. Sie werden heute teils als Handwerks- oder Gewerbebetriebe genutzt, teils als Markthalle für Produkte regionaler Erzeuger und teils für kulturelle Veranstaltungen.
Das grösste Gebäude mit dem hölzernen, siebenstöckigen Aussichtsturm dient als Textilmuseum. Es erzählt detailliert die Geschichte des Textildrucks und der Mode verflossener Jahrhunderte. Die Entwicklung vom handwerklichen Textildruck bis zum Rotationsdruck, von den Holzstempeln bis zu den Messingrollen, das künstlerische Entwerfen und die heikle Technik des Färbens werden in authentisch gestalteten Atelier-Boxen dargestellt und nach einem saisonal variierenden Plan vorgeführt. Weil synthetische Farben damals aus patentrechtlichen Gründen nicht in Frankreich hergestellt werden durften, wurden diese in Basel bei den Verwandten der hugenottenstämmigen Industriegründer in Auftrag gegeben. So entstand in der Stadt am Rheinknie die Farbenchemie, aus der später die Pharmaindustrie hervorging, die Basels heutigen Reichtum begründet. Dieser Umstand erklärt auch, warum Wesserling – weit hinten im Tal von Saint-Amarin gelegen – schon recht früh per Eisenbahn erschlossen wurde.
Das Textilmuseum zeigt nicht nur Verflossenes, sondern bietet jährlich wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und nimmt damit eine besondere Stellung unter den französischen Museen ein. Während im vergangenen Jahr Schweizer Künstlerinnen Miniatur-Flechtwerke zeigten, sind es heuer fünf isländische Künstlerinnen, die recht ungewohnte Textilkunstwerke präsentieren. Zudem widmet sich eine Einzelausstellung den textilen «Collagen» der russisch-französischen Künstlerin Katherine Roumanoff. Die Bilder aus Stoff wirken motivmässig fast wie russische Ikonen.
Nebst der Kunst im Museum gibt es in den Gärten rund um das Schloss während jeder Saison neu eine thematisch gestaltete Freiluftausstellung mit Kunstobjekten. Dieses Jahr heisst das Thema «Jardins rotatifs» und bringt buchstäblich Bewegung in die Gärten. Der «Parc de Wesserling» lässt sich auch als Tagesausflug besichtigen, zumal wenn man mit der Eisenbahn – oder in den Sommermonaten 2008 wegen der Bauarbeiten zwangsweise mit dem Bus – anreist. Plant man einen längeren Aufenthalt, so ist die Gegend ein ideales Reiseziel, das noch nicht von den grossen Touristenströmen erfasst und ausgetreten ist. Das zeigt sich schon daran, dass die Übernachtungsmöglichkeiten dünn gesät sind.
Zum Wandern ist der Vogesenkamm mit dem Grossen Belchen, Hohneck und dem Markstein wärmstens zu empfehlen, wobei sowohl der Bahnhof Husseren-Wesserling wie auch die Endstation Kruth Ausgangspunkt sein können. Der «Club Vosgien» unterhält die Wanderwege vorbildlich; oft findet man komfortable Unterstände fürs Picknick vor, die mit Feuerstelle oder sogar mit einem Ofen ausgerüstet sind. Für Abenteuer suchende Trekker gibt es Massenlager in den typischen «Fermes auberges». Diese Sonderklasse an Alpwirtschaften existiert bloss in den Vogesen: Die Sennen erhalten das Zusatzverdienst ermöglichende Wirtepatent unter der Bedingung, dass sie die Gehöfte auch bewirtschaften.
Weil etliche der «Fermes auberges» keine Zufahrtsstrassen haben, erhält der Gast eben nur das, was die Alp hergibt – und das ist, so einfach es auch immer sein mag, schlichtweg göttlich! Zum Beispiel das Melker-Menu, «le menu marcaire», ein Gericht aus Kartoffeln, roh gebraten und in der Glut warm gehalten, mit eigenem Alp-Rahm frisch zubereitet, «Roigàbràgàlts» genannt und serviert mit Rauchfleisch. Oder die deftige Fleischtorte, «la tourte à l'Alsacienne». Oder der stets reif servierte Rohmilch-Münsterkäse und erst recht der Heidelbeer-Kuchen. Selbstverständlich stets begleitet von einem einheimischen Weissen.
Parc de Wesserling / Musée textile: Gartenanlage täglich offen 10 Uhr bis 18 Uhr 30, Textilmuseum offen 10 Uhr bis 18 Uhr, täglich ausser Montag. – F-68470 Husseren-Wesserling, Telefon 0033 389 382 808, www.parc-wesserling.fr (mit deutschsprachigem Link).
Restaurants: Im Park gibt es Restaurationsmöglichkeiten: ein grösseres populäres Lokal mit sehr günstigen Preisen und Sommerterrasse («La clématite»), ein eher nobleres, ebenfalls mit Sommerterrasse und untergebracht in einer der prächtigen Villen der Textil-Patrons («Coté jardin») sowie die Cafeteria des Museums, wo übrigens das parkeigene Bier mit Kräutern aus dem Schlossgarten ausgeschenkt wird.
Weitere Informationen: Office de Tourisme de Saint-Amarin, F-68550 Saint-Amarin, Telefon 0033 389 821 390, www.ot-saint-amarin.com/de.
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