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  • 4. September 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Auf zwei Rädern durch die Leventina

    Auf zwei Rädern durch die Leventina

    Im Norden des Tessins lässt sich mit dem Velo viel Neues und Unerwartetes entdecken

    Leventina Blick auf Airolo und die Leventina. (Bild: pd)
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    Die Velotour von Airolo abwärts durch die Leventina bis nach Biasca führt auf dem Veloweg 3 durch eine weithin unbekannte Region des Tessins. Ihre herbe Schönheit gibt sie erst dem nichtmotorisierten Entdecker preis.

    Barbara Hofmann

    Wir sausen die alte Kantonsstrasse hinunter. Die heutige Strecke führt uns vom 1160 Meter hoch gelegenen Airolo über eine Höhendifferenz von gut 850 Metern nach Biasca. Dies bei zuweilen engen Serpentinenkurven. Trotz dem Gegenwind sind wir froh um die detaillierten Bremsinstruktionen Giovannis, des Rent-a-Bike-Mitarbeiters in Airolo, bei dem wir unsere Zweiräder gemietet haben. Wer hier falsch oder zu spät bremst, riskiert einen Sturz. Meine Mitfahrerin, die 13-jährige Lisa, meint: «Diese Mietvelos sind sicherer als mein eigenes.» Das Material, das wir von Rent a Bike bezogen haben, Velo und Helm, ist tatsächlich in bestem Zustand.

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    Das Fahrrad findet auf der abschüssigen Strecke zwischen Airolo und Biasca den Weg allein. «Wenn ihr längere Zeit bergauf strampeln müsst, wisst ihr, dass ihr falsch gefahren seid», sagte Giovanni. Ohne Landkartenzwang folgen wir den Velowegweisern und konzentrieren uns unbeschwert aufs Radeln. Wir tauchen ein in eine andere Welt, passieren alte Weiler, Kuhweiden oder Angelplätze am glasklaren Ticino und lachen über behende Ziegen, die auf den Felsen herumturnen.

    Anschauliche Verkehrsgeschichte

    In Rodi fahren wir vorbei am Dazio Grande, dem mächtigen alten Bau aus der Mitte des 16. Jahrhunderts am Eingang zur Piottino-Schlucht. Er war in der Zeit, als Uri die Leventina beherrschte, Zollhaus, Sust, Pferdestation und Gasthaus und ist heute wieder ein gutes Restaurant mit Übernachtungsmöglichkeit. Doch um eine Pause einzulegen, ist es uns noch zu früh. Einen halben Kilometer talwärts berühren sich die steilen Felswände der Piottino-Schlucht beinahe. Sie war mit ihren beidseits hundert Meter und mehr in die Höhe ragenden Felswänden einst ein grosses Hindernis bei der Gotthard-Überquerung. Heute überwindet die A 2 die Schlucht durch ein System von Tunnels und Viadukten. Wir passieren die Neat-Baustelle bei Polmengo und fahren durch Faido. Zuweilen führt unser Veloweg nahe der Autobahn entlang, doch dann tauchen wir wieder ein in lange Streckenabschnitte im Laubwald und längs dem Ticino, wo die Verkehrswege des Tals kaum zu ahnen sind.

    Die Fahrt durch die Leventina zeigt uns eindrücklich die wichtigsten Stationen der Tessiner Verkehrsgeschichte: von alten Säumerwegen bis zum gigantischen Autobahnbauwerk und zur Neat. Besonders gewaltig wirkt die A 2 in der Biaschina, wo unsere Strasse unter dem riesigen Autobahnviadukt durchführt.

    Wir gönnen uns südlich der Biaschina-Schlucht einen kleinen Abstecher nach Giornico, einem der reizvollsten Dörfer der Leventina, wo Natur und Kultur eng ineinandergreifen. Hier finden sich noch immer Weinberge, Giornico ist bekannt für seinen kräftigen geschmackvollen Merlot. Neben den Grotti, den typischen Gasthäusern, interessieren uns aber auch die historischen Gebäude des Dorfes. Da ist zum einen die romanische Kirche San Nicolao, der bedeutendste romanische Bau im Tessin, mit ihren Fresken und Tierskulpturen in der Krypta, die wir uns nicht entgehen lassen wollen. Mit leichtem Gruseln sehen wir uns das Bild des heiligen Nikolaus an, neben dem eine Tonne mit drei Knaben steht, die der Legende nach ein böser Gastwirt zum Verzehr eingepökelt hatte, die aber Nikolaus wieder zum Leben erweckte. – Apropos Gastwirtschaft: Auch das ehemalige Wirtshaus Casa Stanga, das heutige Museum der Leventina, gefällt uns, da hier auf der Aussenmauer eine Art bildliches Gästebuch verewigt wurde, etwa fünfzig Wappen erinnern an illustre Gäste, die hier einkehrten.

    Jahrhundertbauwerk

    Wir fahren weiter Richtung Biasca. Immer wieder entdecken wir landschaftliche Schönheiten, die wir vom Auto oder vom Zug aus nie vermutet hätten. Aber wir sehen auch, wie sehr die Entindustrialisierung die Region entvölkert hat. Zahlreiche Häuser stehen zum Verkauf, viele Menschen, die wir sehen, sind nahe dem Pensionsalter oder darüber. Irgendwo bei Bodio verpassen wir einen Wegweiser und gelangen so bis zur Neat-Baustelle bei Pollegio kurz vor Biasca. Der Blick aus der Nähe auf das Jahrhundertbauwerk lohnt sich. In Biasca lassen wir uns von unseren kleinen Wegweisern durch den Ort führen und langen am Bahnhof an, wo wir mit leichtem Bedauern unsere Mietvelos samt den Helmen wieder abgeben. Wir nehmen uns vor, die Strecke demnächst wieder unter die Räder zu nehmen. Es gibt noch vieles zu entdecken in der Leventina.

     

    Die Velotour ab Airolo lässt sich bis ins Südtessin ausdehnen. Der Veloverleih Rent a Bike befindet sich am Bahnhof Airolo. Annahmestellen z. B. in Biasca, Bellinzona, Locarno oder Lugano. Telefon: 091 869 14 39. Internet: www.rentabike.ch.
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