Mittwoch, 07. Januar 2009, 04:47:17 Uhr, NZZ Online
bhn. Noch immer hängen Nebelfetzen in den Tälern. Doch je höher die Sonne steigt, desto mehr beginnt der Kastanienwald gelb und rot zu leuchten. Spinnwebfäden hängen in der Luft, es duftet nach Herbst, nach Moos und feuchtem Laub. In den Wäldern an den Berghängen sieht man die Orte Fescoggia, Vezio und Mugena. Eine schmale kurvenreiche Strasse verbindet die Dörfer miteinander und führt weiter nach Arosio, das unser Ausgangspunkt war und Endpunkt der Wanderung sein wird.
Wir sind unterwegs auf dem Kastanienweg. Er ist gut und doch diskret beschildert – wir verlaufen uns in der Hügellandschaft des Malcantone nie –, und er ist familientauglich. Auch Kinder und Halbwüchsige finden unter den knorrigen Baumgestalten mit ihren vielfach hohlen Stämmen, den gewundenen Ästen und den ausladenden Kronen immer wieder Spannendes, so dass auch eine längere Fusswanderung nicht zum Nörgelweg gerät.
Die Kastanienwanderung ist keine Erfindung dieses Jahrhunderts. Schon lange bevor Touristen aus dem Norden das Tessin entdeckten, wanderte man zu den Selven. Während der Erntezeit zogen Familien aus Gebieten ohne Kastanienbäume für kurze Zeit dorthin, wo sie Ernterechte oder gar eigene Selven besassen, um die lebenswichtigen Früchte zu sammeln. Je nach Sorte entwickelte sich eine bevorzugte Verwendungsart: trocknen, dörren, gären, zu Mehl verarbeiten. Nur wenige eignen sich zum Braten, für die «heissen Marroni», die an trübkalten Wintertagen nördlich der Alpen einen Geruch von Süden und Sonne verströmen. Rund hundert Tonnen der kugeligen Früchtchen wurden letztes Jahr in den Wäldern des Malcantone gesammelt und an die Grossverteiler verkauft.
Der «Sentiero delle castagne» zieht sich durch die schönsten Winkel des Malcantone. Am besten begeht man ihn im Herbst: Es macht einfach Spass, Wandern mit Sammeln zu verbinden. Wer Glück hat, findet sogar noch Pilze. Und in Arosio, dem Ausgangspunkt der Rundwanderung, werden im Tessiner Ristorante San Michele einheimische Marroni-Spezialitäten serviert.
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