Dienstag, 06. Januar 2009, 08:56:38 Uhr, NZZ Online
O. I. Wieder einmal ist am Sonntag der feine Rasen des 18. Fairways des legendären Pebble Beach Golf Club arg unter die Räder gekommen: Über 200 historische Fahrzeuge reihten sich zum 58. Concours d'Elégance auf, einem der weltweit wichtigsten Anlässe der Oldtimer-Szene. Als Finalisten standen schliesslich ein Hispano Suiza, ein Packard und ein Alfa Romeo vor der Rampe. Feuerwerkskörper stiegen zum Bukett auf, als ein Alfa Romeo 8C 2900 B aus dem Jahre 1938 zum «Best of show» ausgerufen wurde. Stolz entstiegen der Besitzer Jon Shirley, der erste Präsident von Microsoft, mit Strohhut und seine Frau Mary, mit Nerzstola, und ein Hund im Konfettiregen der prächtigen, von Touring karossierten Berlinetta.
Zwar stehen auch am berühmten 17 Mile Drive einige der Traumhäuser zum Verkauf, aber die Amerikaner und die Kalifornier im Besonderen lassen sich ihre Obsession mit dem klassischen Automobil weder durch die Finanzkrise noch durch die Klimadiskussion nehmen.
Eine unübersehbare Menschenmenge drängte sich hautnah um die exhibitionierten Wagen. Manche Besucher kamen wie zu Ascot gekleidet, etliche Frauen dekolletiert und auf Centerfold-Masse zusammengeschnürt, die dazu passenden graumelierten Herren mit Panama-Hut und Zigarren. Eine Blondine mit gelben Stöckelschuhen führte ihren Pudel namens Enzo in einem massgeschnittenen, gelben Ferrari-Trikot spazieren.
Ein Schwerpunkt der Ausstellung, das Motorama von General Motors, liess angesichts des desperaten Zustands des einst grössten Autoherstellers der Welt schon ein wenig Schwermut aufkommen. Als in Amerika noch ungestümer Zukunftsoptimismus herrschte, fuhr das Motorama in einer «parade of progress» von Stadt zu Stadt und zeigte futuristische Firebird-Prototypen, die mit ihren Flügeln, Lufteinlässen und Glaskuppeln Raumfahrzeugen glichen. Ein anderer Schwerpunkt, die faszinierenden Lancia-Modelle, zeugte vom einst betörenden italienischen Design in Kombination mit Ingenieurskunst. Und Lamborghini durfte als «the bad boy from Italy» mit seinen Miura an die Zeit erinnern, als ein Traktorenfabrikant kurzzeitig den Platzhirschen Ferrari und Alfa Furcht einzujagen vermochte.
Was in der Autoindustrie Rang und Namen hat, umschwärmte potenzielle Kunden mit Champagner und Häppchen in teuer gemieteten VIP-Logen. In den Strassen zwischen Pebble Beach und Monterey waren unzählige kostbare Klassiker oder sündhaft teure neue Sportwagen unterwegs und verdeutlichten, weshalb die USA nach wie vor der wichtigste Absatzmarkt für Premiumfahrzeuge sind. In den Tagen vor dem Concours wurden auf anderen Golfplätzen ebenfalls Klassiker ausgestellt, und zahlreiche Marken- und Autoklub-Treffen fanden statt.
Wer seinen Renner nicht nur zur Schau stellen, sondern auch fahren wollte, traf sich an drei Tagen auf dem Race Track von Laguna Seca. Rund 450 historische Rennfahrzeuge waren für die Monterey Historic Automobile Races eingeschrieben, die voll auf Geschwindigkeit gefahren werden – der grösste Rennzirkus für historische Autos auf der Welt. Manche waren mit riesigen Peterbilt-Sattelschleppern und eindrücklichen Mechanikerteams angekommen – offenbar stecken viele Aficionados erkleckliche Summen in ihr Hobby, andere schrauben selber an den Motoren herum. Alfa Romeos und Ferraris im Wert von Millionen Dollars wurden schonungslos über die kurvigen Hügel gejagt, verfolgt von Cobras, Lolas und Lotus. Lärm und Abgas hatten freien Lauf, und die Rennbesucher störten sich nicht daran. Von weitem sah das Gewirr von Fahrer- und Sponsorenzelten fast wie ein Flüchtlingslager aus. Flüchtlinge ja, meinte ein Kenner der Szene, aber solche vor dem Alltag und mit Geld, unter ihnen viele Anwälte, Zahnärzte und dergleichen, die sich auf der Rennstrecke austobten.
Den Rahmen des Concours nutzten mehrere Auktionshäuser für Geschäfte – und konnten prompt gute Ergebnisse, zum Teil in Rekordhöhe, verbuchen. Mit 7,9 Millionen Dollar erzielte etwa ein Bugatti 57 SC Atalante das höchste je erreichte Gebot für ein Automobil in den USA. Ein Talbot Lago schlug mit 4,85 Millionen und ein Jaguar E2A mit 5 Millionen Dollar die Rekorde ihrer Marken. Entscheidend für den Wert eines Fahrzeugs sind dessen lückenlose Historie inklusive berühmter Vorbesitzer und eine originale Patina. Dabei neigten manche Amerikaner zur Über-Restaurierung, sagte Urs Paul Ramseier, der in Pebble Beach als Selecting Adviser für den Concorso d'Eleganza an der Villa d'Este, dem wichtigsten europäischen Klassiker-Anlass, die Augen offenhielt.
Pebble Beach:
Das 1934er Packard-V12-Cabriolet Victoria
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