Dienstag, 06. Januar 2009, 03:51:14 Uhr, NZZ Online
Hansjörg Egger
Bei der mobilen Raumgestaltung und Komfortausstattung brauchen die Bahnen den Vergleich mit dem Flugzeug längst nicht mehr zu fürchten. Die besten Designer legen an den prestigeträchtigen Interieurs moderner Verkehrssysteme Hand an. Sie müssen den Spagat schaffen zwischen trendigem Outfit und zeitlosem Design, feinen Materialien und Dauerhaftigkeit. Die Ansprüche an die Innenraumgestaltung sind beim öV besonders hoch. Konkret orientieren sich die Ausstatter bei ihren Entwürfen am Fahrgast; der jedoch ist als Durchschnitt nicht so leicht zu definieren. In den Zügen gibt es Pendler, Langstreckenpassagiere, Familien oder Geschäftsleute. Alle sollen sich an Bord möglichst wohl fühlen. An die adäquate Farb- und Formgebung sind weitere Anforderungen geknüpft wie etwa ergonomische Sitze, die Verwendung von ökologischen, schallschluckenden und Vibrationen absorbierenden Materialien mit guten Feuerschutzeigenschaften. Fester Bestandteil ist auch ein komplexes elektronisches Equipment, das von den energiesparenden LED-Leuchten über das individuelle Bord-Informationssystem bis hin zur drahtlosen Breitband-Internetverbindung reicht.
Vielseitig sind auch die Wünsche an eine – möglichst modular organisierte – Innenmöblierung. Das reicht von der originellen Sitzanordnung bis zur grosszügig bemessenen Bordtoilette und zum Veloabteil, das ebenso selbstverständlich geworden ist wie ausreichende behindertengerechte Sitzmöglichkeiten. Im Fernverkehr muss das Layout so gestaltet sein, dass man nicht nur bequem sitzen und dösen, sondern in seinem Coupé bei Bedarf auch noch gepflegt dinieren kann. Der Trend geht eher weg vom eigentlichen Speisewagen hin zum individuellen Tafelservice. Den Kaffee hingegen kann man in der gestylten Bordbar trinken, und bei zukunftsorientierten Bahnen – etwa der britischen Virgin Rail – fährt sogar ein ganzer Kiosk mit.
In den Prestigezügen mit Luxusklassen werden die Ohrenfauteuils gerne mit Echtleder in Kombination mit edlen Textilien überzogen. Es dominieren meist ruhige, helle Farben, «von denen sich die Menschen anziehen lassen», wie Designerin Anna-Maria Müller von Lantal Textiles sagt. Mit ihrer Transport Fashion gehören die Langenthaler zu den weltweit führenden Ausstattern sowohl der Luftfahrt- wie der Bahnindustrie. Auch Elemente aus Holz finden im Prestigezug wieder vermehrt Verwendung. In den Strassenbahnen von Marseille und Hannover feiern sogar Sitze ganz aus Holz wieder Urständ, während auf der andern Seite in Brüssel erstmals ein Tram mit Ledersitzen ausstaffiert wurde.
«Eigentliche Trendfarbe im öV ist nach wie vor Blau», sagt Chefdesignerin Heidi Merz vom deutschen Ausstatter Schoepf, der die DB und die ÖBB zu seinen Kunden zählt. Während in den lateinischen Ländern die satten warmen Töne von Lila, Orange, Aubergine bis Fuchsie dominieren – das an der Expo preisgekrönte Redesign des Thalys durch ein französisch-belgisches Design-Duo ist dafür der leuchtende Beweis –, wird die Farbskala gegen Norden hin immer kälter. Das stellt auch Marc Vierstraete vom traditionellen schwedischen Textilhaus Svensson Markspelle fest, dessen Messestand ganz mit blauen Stoffen behangen ist.
Entgegen diesem Trend kommt im heissen Algier der Sitzbezug des futuristischen Trams ganz in frischem Blau daher, «um etwas optische Temperaturregulierung zu schaffen», wie es bei der französischen Design-Schmiede RCP heisst. In verschiedenen Blautönen präsentieren sich die Sitze natürlich auch in den Bussen der Züri-Linie sowie in dem auf der Bergstrecke verkehrenden neuen «Lötschberger» der BLS, wo der Teppich – eine Neuheit – im Eingangsbereich sogar mit LED-Lichtern zum Funkeln gebracht wird. Designerin Anna-Maria Müller hat hier, wie schon bei den Bezügen der Postautos, mit Logos und geometrischen Stilelementen gespielt. Auf blauem Stoff in streng ergonomisch geformten Sitzen mit Holzelementen wird man im neuen Cisalpino ETR 610 reisen. Anna-Maria Müller hat dafür, in Zusammenarbeit mit dem italienischen Star-Designer Giorgetto Giugiaro und den SBB, die Cisalpino-Farben in den Sitzbezug eingewoben.
Höchst farbenfroh hingegen reist sich's im aufgefrischten Bretagne-Zug mooviTER, bei dem die Designer von Lantal mit den Farben der örtlichen Kultur und ihren bunten Trachten Harmonie in den Zug zauberten. Im besonders trendigen und formverspielten Interieur rauscht man im TGV Lyria daher, in dem Couturier Christian Lacroix seine Handschrift hinterlassen hat. Das Styling in Uni-Tönen ist allerdings womöglich fast zu heikel für den Massentransport. Robuster und funktionaler, aber auch bunter ist der Aufputz deshalb in der Regel in Trams, Bussen und Metros. Hier trifft man bei den Stoffen auch wieder auf florale und ornamentale Elemente. Die ganze Palette an Mustern und Farben kommt bei den Reisebussen zum Zug. Es herrscht weitgehend Narrenfreiheit, und bei den Innendekors tauchen da und dort auch einmal Ufos oder Kugelfische auf.
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