Donnerstag, 21. August 2008, 21:55:02 Uhr, NZZ Online
«Ohne Mampf kein Kampf», sagt Klaus Bischof, Leiter des Porsche-Museums, «keiner sitzt in ein Auto, bevor er nicht eine Rennwurst gegessen hat.» Auf Bischof, Chef über 350 fahrbereite Porsche-Preziosen, hört man gern, auch deshalb, weil er die Schlüssel zu den fünf Oldtimern in der Tasche trägt, die Porsche aus Anlass des 60. Geburtstages der Sportwagenmarke an den Gaisberg in der Umgebung von Salzburg gekarrt hat. Der Gaisberg war einst ein Bergrennen, Porsche hat dort viele Erfolge verbuchen können, und Bischof serviert seine «Rennwurst» in einer Art Fahrerlager, das extra für eine Handvoll Journalisten aufgebaut wurde. Diese dürfen in den nächsten zwei Tagen vier 356er und einen 911 Speedster über österreichische Pässe bewegen.
Bischof hat markige Sprüche auf Lager. Wer das Roadbook nicht lesen kann − selber schuld. Und nein, den unsynchronisierten ersten Gang der älteren 356er nicht auf Biegen oder Brechen reinwürgen, «sie brauchen ihn sowieso nicht, den ersten Gang, sonst sind sie zu langsam». Kein Landschaden, befiehlt er, und er sagt auch noch etwas von der Polizei, zu der Porsche hier im Land Salzburg ein gutes Verhältnis habe. Uns Schweizern gereicht es nach dem Grillvergnügen vorerst nur zum Porsche 911 Speedster; die deutschen Kollegen haben die härteren Ellenbogen. Ab 1989 gebaut, hatte dieses Modell die breiten Hüften des «turbo»; das Dach wurde unter zwei Kamelbuckeln verstaut. Dort sollte es auch bleiben, Menschen über Pygmäen-Mass haben Schwierigkeiten, in einem Speedster mit geschlossenem Dach einigermassen bequem zu sitzen.
Der 3,2-Liter-Boxermotor leistet 231 PS, ABS und Airbags waren damals noch Zukunftsmusik. So zuckeln wir friedlich durch die schöne österreichische Landschaft, Wolfgangsee, Fuschlsee. Am Berg lassen wir es dann ein bisschen fliegen, er geht gut, der Speedster, er macht auch mächtig Lärm, der klassische luftgekühlte 911er − und doch sind wir erstaunt, welch grossartige Entwicklung die automobile Technik in den vergangenen 20 Jahren gemacht hat. Die Bremsen sind lusch, die Lenkung mau, das Fahrverhalten, sagen wir einmal: Wir hätten wohl Mühe, einem neuen Golf GTI zu folgen. Aber wir nehmen das locker, sind ja auch charakterlich gestärkt von der Rennwurst.
Am nächsten Tag stellt sich dann bald heraus, dass sich unsere Geduld bei der ersten Etappe gelohnt hat. Für die Fahrt über den Grossglockner haben wir das Vergnügen mit einem 356 Speedster. Dieser war ab 1954 auf Anregung des amerikanischen Importeurs Maxi Hoffman gebaut worden, er verlangte von Stuttgart einen offenen «Cruiser», der auch zu Rennzwecken eingesetzt werden konnte. Nun, ein Rennwagen ist der 356 Speedster nicht gerade, es gab ihn damals mit 55 oder 70 PS, uns gab man die schwachbrüstigere Version mit auf den Weg.
Und er bewegt sich doch. Hat man sich einmal in die ungewohnte Sitzposition (sehr nah am riesigen, dünnen, rutschigen Lenkrad) gewöhnt, im Kopf die Gänge sortiert (den ersten braucht man tatsächlich nur zum Anfahren) und verstanden, dass ein heftiger Tritt auf das Gaspedal vorerst nur mehr Lärm, aber nicht mehr Vortrieb produziert, dann geht es ganz ordentlich. Der 356er hat in den Kurven kaum Seitenneigung, liegt perfekt auf der Strasse, das bedeutet, dass die Bremsen weitgehend geschont werden. So knacken wir den Berg mit einem Lächeln im Gesicht, der Wind zerstört die eh nicht vorhandene Frisur, die Sonne scheint − was wollen wir mehr? Ein besseres Roadbook vielleicht, denn prompt verpassen wir eine Abfahrt.
In Gmünd weht uns dann der Duft der Geschichte entgegen. Hier sind 1948 die ersten Porsche-Sportwagen entstanden; die Marke Porsche gab es schon seit 1931, doch das erste Fahrzeug erhielt erst am 15. Juni 1948 «im Sinne der Verordnung Nr. 802 der englischen Militärregierung» die Anmeldebestätigung. Die Basis des ersten Porsche war ein selbst gefertigter Stahl-Gitterrohrrahmen samt Fahrwerk eines VW Käfer. Darüber wurde eine selbst entworfene Karosserie aus von Hand über Holzformen getriebenen Alublechen gestülpt. Als Antrieb diente ein Käfer-Motor mit 1,1 Liter Hubraum, der in Gmünd von 24,5 auf etwa 35 PS «getunt» worden war. Dieses Aggregat wurde längs vor der Hinterachse eingebaut; der allererste Porsche war also ein Mittelmotorauto. Die ersten fünf 356er, jetzt mit Heckmotor, wurden übrigens in die Schweiz verkauft, an die Herren Ruprecht von Senger und Bernhard Blank. Für die legendäre Nummer 1 bezahlte von Senger damals 7000 Franken.
Zurück zum Gaisberg fahren wir dann einen neueren 356er, Typ B, ein Coupé, 75 PS. Es ist jetzt bretterheiss, doch die Fahrt ist angenehm, weil sich die Gänge problemloser einlegen lassen, der ganze Wagen ruhiger liegt als der doch ziemlich filigrane Speedster. Wir sind erstaunt, welch hohe Durchschnittsgeschwindigkeit sich mit diesem über 40 Jahre alten Auto erzielen lässt. Nur bergab, etwa am steilen Katschberg, an dem die ersten Porsche schon getestet wurden (damals noch ohne Karosserie!), da stellt uns der Porsche eine Denksportaufgabe: Wegen der noch geringen Verdichtung des Triebwerks (8,5:1) ist nicht viel von der Motorbremse zu spüren, im zweiten Gang dreht der Motor im roten Bereich, im dritten ist der Wagen viel zu schnell. Wir wählen dann doch die zweite Möglichkeit.
Portrait:
Dr. Wolfgang Porsche
Leser-Kommentare: 0 Beiträge