Dienstag, 06. Januar 2009, 23:31:36 Uhr, NZZ Online
O. I. Als eines der Highlights der Veranstaltung rund um den Pebble Beach Concours d'Elégance hat Bugatti am Samstag auf der famosen Rampe des Golfklubs, die üblicherweise den Siegern des Anlasses vorbehalten ist, sein neues Modell lanciert – das zweite, seit VW vor zehn Jahren die Elsässer Traditionsmarke wiederbelebte. Im nebligen Wetter, wie es oft zu dieser Jahreszeit an der kalifornischen Pazifikküste vorkommt, fuhr unter Blitzlichtgewitter ein silberfarbener Veyron vor – jener von Bugatti bis anhin als einziges Modell angebotene Supersportwagen, der wie eine zum Sprung bereite Raubkatze wirkt. Doch was nun auf der Rampe stand, war kein normaler Veyron. Zwei Männer entfernten ein Hardtop und legten damit die wesentliche Spezifikation des neuen Molsheimer Modells frei, eben einen Roadster, der technisch weitgehend mit dem Coupé identisch ist und Veyron 16.4 Grand Sport heisst.
Was macht der Grand-Sport-Fahrer, sollte es doch zu regnen beginnen, nachdem er das Hardtop in der Garage zurückgelassen hat? Er betätigt nicht etwa einen Knopf, der ein raffiniertes Verdeck in Bewegung setzt, sondern steigt aus, öffnet die Fronthaube, klaubt einen Schirm hervor und spannt ihn auf. Eben wie in ganz alten Zeiten, als Cabriolet-Piloten einfach schnell den Regenschirm zückten. Dann klinkt der Bugatti-Freiluftfahrer die Speichen des viereckigen Notschirms in die Öffnungen in der Dachkante des Grand Sport ein und entfernt den Griff des Schirms. Der Schirm sei zwar ein Schirm, erklären die Bugatti-Leute, aber es stecke mehr Hightech drin, als man vermuten könne; immerhin liesse sich damit noch bis zu 130 km/h schnell fahren. Einen 1,4 Millionen Euro teuren Edelroadster frivol mit einem Regenschirm auszustatten anstelle eines raffinierten elektrischen Verdecks, ist wohl ein Clou, den sich nur Bugatti leisten kann. Denn der Veyron ist sonst in allen Teilen ein Träger von Spitzentechnik, eben so weit, dass er bis an den Rand vollgestopft ist mit elektronischen Steuergeräten und Kühlaggregaten, so dass schlicht und einfach kein Platz für ein Cabriolet-Dach zu finden war.
Lange ist darüber gerätselt worden, mit welcher Art von Automobil Bugatti seine Modellreihe erweitern würde, nachdem unter der Wolfsburger Ägide mit dem Veyron 16.4 der stärkste, schnellste und teuerste serielle Supersportwagen aller Zeiten auf den Markt gebracht worden war. Es ist wohl sinnlos, die Motorleistung von 1001 PS, die das Auto auf eine Spitzengeschwindigkeit von über 400 km/h katapultieren können, noch zu steigern. Und ein weiteres Modell, etwa einen nur halb so teuren «Volks-Bugatti» oder einen Viertürer, von Grund auf neu zu konstruieren, das muss sich der Entwicklungskosten wegen auch der Volkswagenkonzern zweimal überlegen.
Welchen Betrag die Wolfsburger damals in die Entwicklung des Veyron Coupé mit Zwölfzylindermotor gesteckt haben, ist dem Bugatti-Präsidenten Franz-Josef Paefgen nicht zu entlocken. Man habe ja nicht das Ziel gehabt, ein möglichst kostengünstiges Automobil herauszubringen, sondern eines, das dem Motto des Namensgebers Ettore Bugatti gerecht würde, nämlich die Spitze des technisch Machbaren zu erklimmen. Das haben die Ingenieure zweifellos zustande gebracht. Doch die Entwicklungskosten müssen wohl abgeschrieben werden, sollte der Businessplan, wie in Erfahrung zu bringen ist, bis 2012 schwarze Zahlen erreichen. Der «normale» Veyron schlägt dem Käufer mit 1,1 Millionen Euro aufs Portemonnaie (ab Werk, exklusive Steuern und Zoll) – eigentlich erhält er dafür einen um ein paar Millionen Euro höheren Gegenwert, weil er nicht im vollen Umfang an den Entwicklungskosten partizipieren muss.
Doch scheint diese «Schnäppchenrechnung» noch nicht so vielen Vermögenden eingeleuchtet zu haben, als dass die auf 300 Exemplare limitierte Serie des Coupés schon ausverkauft wäre. 60 sind noch zu haben. Und nun kommen zusätzlich die 150 Stück des Grand Sport. Die erste Tranche von 50 Roadsters ist für bisherige Veyron-Kunden reserviert, 20 von ihnen seien bereits geordert, wie in Bugatti-Kreisen zu erfahren war. Ein typischer Veyron-Käufer besitze bereits um die zwei Dutzend Automobile, stamme aus dem Milliardärs-Milieu und lege im Jahr mit dem Superflitzer durchschnittlich nur 1000 Meilen zurück. Von den bisher verkauften Exemplaren seien weniger als eine Handvoll an Besitzer eines historischen Bugatti gegangen. Offenbar sind die Sammler und Liebhaber der unvergleichlichen klassischen Bugatti nicht leicht zum Kauf eines neuen zu gewinnen, auch wenn diese unbestreitbar zu den exklusivsten und damit ebenso unvergleichlichen Automobilen unserer Zeit gehören.
Die neue Klientel ist vielleicht eher bereit, auf die kürzlich lancierte Ausstattungsversion Veyron 16.4 Fbg par Hermès einzusteigen. Einer weltgewandten Klientel ist natürlich die Abkürzung Fbg geläufig, dem Rest sei hier nachgeholfen: Die drei Ziffern stehen für Faubourg, den Firmensitz des Luxusausrüsters Hermès. Dessen H-Emblem ist in den leicht breiteren hufeisenförmigen Kühlergrill, das althergebrachte Identitätszeichen Bugattis, gefräst, und neu gestaltete Räder gehören zu den dezent veränderten Äusserlichkeiten der Sonderedition. Im Cockpit sind die Instrumente rund statt leicht oval und die Türgriffe den Koffern der Pariser Marke nachempfunden. Eine Reihe geschmackvoller Farbkombinationen stehen zur Auswahl, darunter das fast schon frivole «bleu jean». Für den minimal bemessenen Stauraum unter der Fronthaube hat Hermès einen Koffer aus farblich abgestimmtem Leder und Leinen entworfen, der asymmetrisch ist und etwa an die Hülle eines Akkordeons erinnert. So also sieht die Exklusivität einer besonderes mondänen Schicht aus: Hat jemand das Köfferchen, besitzt er auch zwingend den dazu passenden Bugatti.
Wie viel unsichtbare Zeichen bedeuten, zeigte sich am Sonntagabend bei der Auktion von Gooding. Da Sammler bei Bugatti bereits für die Chassisnummer 001 des Grand Sport anstanden und die Molsheimer niemanden bevorzugen wollten, liessen sie das Recht auf den erst im nächsten Frühjahr in die Produktion gehenden ersten Veyron-Roadsters versteigern. Ein Telefonbieter, dem Vernehmen nach aus dem Mittleren Osten, bekam den Zuschlag bei 1,9 Millionen Euro. Der Überpreis von einer halben Million Euro kommt der Wohltätigkeitsstiftung zugute, welche die Pebble Beach Company aus den Gewinnen des Concours d'Elégance alimentiert.
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