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  • 20. September 2008, 11:57, NZZ Online
    Blog aus dem Tessin

    Zum Gebrauch der Sprache Goethes, Gotthelfs und Dantes

    Zum Gebrauch der Sprache Goethes, Gotthelfs und Dantes

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    Kürzlich stand ich an der Theke eines bekannten Kaufhauses in Ascona. Ich stelle mich, auch wenn ich nichts zu essen kaufe, gerne dort hin. Man kann beobachten, wie die aus verschiedenen Nationen stammenden Kochkünstler leckere Speisen zubereiten und sie nach Rezepten fragen. Ich bewundere sie, wie sie lachend, mit den Kunden scherzend, und immer auch mit etwas Selbstironie bei ihrem Auftreten, in der Lage sind zur Mittagszeit und auch sonst wahre Menschenmassen mit schmackhaften frischen Gerichten zu versorgen – immer mit den Augen der Hungrigen auf dem, was sie tun. Und eben: Allein dort sich hinzustellen macht Spass, da die «barzellette», die Witze und gegenseitigen Anzüglichkeiten kein Ende nehmen, aber fast jeder zweite Gast mit «caro» oder gar «carissima» angeredet wird. Dann stand plötzlich ein hochgewachsener Herr neben mir und sagte zu einem der jungen Männer hinter der Theke in schönstem Hannoveranerisch: «Ich möchte ein halbes Hähnchen, schön kross!»

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    Uff!!! Wer in der Schweiz versteht schon das Wort «kross?» Und dann gar im Tessin? Gespannt beobachtete ich die Situation: Der freundliche junge Mann liess sich nichts anmerken, zuckte nur etwas mit der linken Augenbraue. Er deutete mit einem Lächeln auf einen der warmgehaltenen goldbraunen Vögel in der Auslage: «Questo va bene?» Der Herr wollte ein anderes Poulet, und irgendwann einigten sie sich.Danach ging ich noch zu einem Gemüseladen im Zentrum Locarnos. Es war einer der seltenen Momente, wo dort kein anderer Kunde anzutreffen war – normalerweise ist es in dem engen Geschäft rappelvoll. Als ich, wie es sich gehört, auf italienisch grüsste, antwortete mir ein vielstimmiger Begeisterungsschrei. Ich antwortete auf italienisch, sinngemäss: «Oh - So begeistert ist selten jemand über mein Auftauchen!» Sie platzten fast vor Lachen, als sie mir erklärten, dass sie gerade eine empirische Studie vornahmen: Wer den Laden betrete, ohne zu grüssen, wer den Laden betrete und «Grüezi» oder «Guten Tag» sage, und wer mit «Buon giorno»- also auf italienisch - grüsse, auch wenn er sichtlich kein Tessiner sei. Ich sei nach fünf deutschsprachig oder gar nicht grüssenden die erste italienischsprachig grüssende Kundin, obwohl ich nicht mal Tessinerin sei.

    Ich fühlte mich einen Moment lang so grossartig wie der Hauptgewinn in einer Tombola und fragte nach. Die Frauen erzählten von ihren Beobachtungen. Es sei auffällig, mit wie welcher Selbstverständlichkeit von ihnen erwartet werde, Deutsch oder Schweizerdeutsch zu sprechen. Sie hätten Deutschschweizer Kunden, die seit zwanzig Jahren im Tessin lebten und noch nicht einmal «Buon giorno»(«Guten Tag» auf italienisch) sagten. Dieselben Kunden könnten sich dann ausführlich darüber unterhalten, wie wenig sich Tamilen oder Kosovaren in die Schweiz integrierten und nicht einmal die Sprache lernen würden. Eine der Frauen berichtete aus ihren Erfahrungen im Ausland: «Ich habe jahrelang in Amsterdam gearbeitet. Dort wäre es keinem Kunden in den Sinn gekommen, zu erwarten, dass ich seine Sprache spreche». Und auch wenn sie nach Zürich ginge und nur Italienisch sprechen würde, käme sie kaum weiter. Als Fazit von dem Ganzen sagten die Verkäuferinnen: «Es ist kein Problem für uns, wenn die Kunden sich nicht mit uns unterhalten können oder alle Gemüsenamen wissen. Aber wenigstens die drei Worte «Guten Tag», «Dankeschön» und «Aufwiedersehen» sollte man in Italienisch sagen können, wenn man als Tourist oder Zuzüger hierher kommt. Von uns wird ja auch erwartet, dass wir sie verstehen. «Dem gibt’s nichts mehr hinzuzufügen...

     

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