Mittwoch, 07. Januar 2009, 07:59:42 Uhr, NZZ Online
Urs Bühler
Es ist in dieser Spalte schon beinah zur Tradition geworden, anbrechende Jahreszeiten zu begrüssen und im gleichen Atemzug just vergangene zu würdigen (sofern sie sich diese Aufmerksamkeit verdient haben). Das Innehalten bei einem Übergang im Jahreskreis symbolisiert nicht nur die Einheit aus Abschied und Neubeginn, die unser Leben bestimmt; es bietet überdies selbst Grossstadtmenschen die Chance, sich zumindest für Augenblicke als Teil der Natur zu fühlen.
Diese Woche hat der Herbst Einzug gehalten, astronomisch gesehen. Noch kämpft die Sonne zwar gegen den Machtverlust an, die Blätter sind noch kaum verfärbt, die Gemüter noch nicht auf Melancholie geschaltet; aber schrumpfende Tage, Morgennebel und -kälte lassen wenig Raum für Illusionen. Es ist Zeit, zweifellos. War der Sommer sehr gross? Das soll man jetzt nicht mehr verhandeln.
Für den Herbst sollte es nun schlagen, unser fröstelndes Herz, für seine Geheimnisse und Offenbarungen, für Wild und Kastanien, für raschelnde Geister und Laub. Ich könnte ihn sogar lieben, wenn nur der November nicht wäre, vor dem mir Jahr für Jahr graut. So aber gilt meine Sehnsucht dem Frühling, mein Blut wallt mit dem Sommer, wohingegen ich mit dem Herbst bis anhin selten so ganz warm geworden bin. Das liegt vielleicht daran, dass ich exakt in der Mitte zwischen seinem kalendarischen und seinem astronomischen Beginn auf die Welt gekommen bin. Der Herbst war da und halt doch noch nicht da, als ich ihn zum ersten Mal sah. Das muss unsere Beziehung von Anfang an in der Schwebe gehalten haben.
Trotz alledem hat eine Wortschöpfung mein Herz erobert, die der Volksmund für die Schweiz und für benachbarte Sprachregionen kreiert hat. Man funktioniere mit einfachen Mitteln ein Substantiv zum Verb um, stelle ein namen- und gesichtsloses Subjekt voran – und fertig ist die Liebeserklärung an diese Jahreszeit, an ihren Sinn für Wandel und Verwandlung: Es herbstelt. Welche andere Saison hat den menschlichen Geist zu Vergleichbarem inspiriert? Nun gut, es gibt Dichter und Denker, bei denen es lenzt. Aber das tönt doch wie geschletzte Türen oder Ohrfeigen und hat nicht halb so viel Charme wie das Herbsteln.
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