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  • 1. Juli 2008, 11:17, NZZ Online

    Da – in «Free»dom – DC

    Da – in «Free»dom – DC

    Von Obelisk zu Obelisk. Beat Ammanns Weg nach Washington. Von Obelisk zu Obelisk. Beat Ammanns Weg nach Washington. (Bild: NZZ/Google Earth)
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    Von Beat Ammann

    Nun bin ich also da. Da, wo ich hin wollte. In Washington, DC (District of Columbia), der Hauptstadt der Vereinigten Staaten, die sich laut der Convention & Tourism Corporation gerne unter dem Schlagwort «Free»dom («Frei»heit) präsentiert, weil viele Attraktionen (etwa spektakuläre Museen) gratis sind.  

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    . Bilderstrecke: Die letzte Etappe
    Downtown Marietta (Ohio). Eine der Brücken über den Ohio bei Marietta. Friedhof für Veteranen beider Weltkriege bei Marietta (Ohio). Der Ohio nahe Fly (Ohio).
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    Die Reise war 24'561 Kilometer lang, gemessen vom aufgegebenen Zuhause in Buenos Aires bis zur Constitution Avenue auf der Höhe des Obelisken und des Weissen Hauses. Sie hat 108 Tage gedauert. Das ergibt eine tägliche Fahrleistung von 227,42 Kilometern. Über die am Steuer verbrachte Zeit habe ich kein Buch geführt, doch betrug das Durchschnittstempo höchstens 60 Kilometer pro Stunde. Das hiesse, dass ich 409 Stunden nur gefahren bin. Drei Meere lagen am Weg: der Atlantik, der Pazifik, die Karibik.

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    Mein Auto (das heisst, das Auto der NZZ), ein Ford Explorer mit einem 4-Liter- und Sechszylinder-Motor, verbrannte 1387,2 Liter und 446.35 Gallonen Benzin, total 3076.82 Liter. Das ergibt einen Verbrauch von 12,53 Litern pro 100 Kilometer. Für ein zwölf Jahre altes Auto, das beladen und mit Fahrer gut 2,2 Tonnen wiegt, erscheint mir das als ein akzeptabler Wert. Umso mehr, als in den Anden Zehntausende von Höhenmetern auf zum Teil abenteuerlichen Strassen zu überwinden waren, wo ich tagelang im 2. oder sogar im 1. Gang unterwegs war. Den Allrad-Antrieb benötigte ich nur ganz selten, die Klima-Anlage öfter, aber eher ausnahmsweise. Andernfalls wäre der Verbrauch gewiss gestiegen.  

    Die Route

    Die Route

    Verfolgen sie die Route von Beat Ammann. Sie benötigen dazu Google Earth.

    Anzahl Pannen: Null! Anzahl platte Pneus und gewechselte Räder: Null. Die vier Michelin-Pneus aus brasilianischer Produktion sehen immer noch aus wie neu. Unterwegs in Panama das Öl gewechselt und im heissen Arizona das Kühlsystem dank einem neuen Thermostat und einer zäheren Kupplung des Ventilators entlastet. Sonst nichts.  

    Die letzte Etappe von Marietta (Ohio) nach Washington auf der Route 50 war eine Spazierfahrt. Zum letzten Mal benutzte ich eine Fähre, wie früher am Titicaca-See in Bolivien, bei Cartagena in Kolumbien  und in Mazatlán in Mexiko. Zwar gibt es flussaufwärts von Marietta eine Brücke über den Ohio, doch zog ich es vor, von Fly nach Sisterville, West Virginia, überzusetzen, an einem Ort, wo seit 1817 eine Fähre verkehrt. Die Fahrt kostet vier Dollar. Erstmals in diesem Land erhalte ich keine Quittung.

    Der Kapitän des kleinen Schiffs lässt sich auf der Kommandobrücke gerne über die Schulter schauen. Sein Rekord für die Überfahrt liege bei vier Minuten, sagt er und drückt den Gashebel des zweiten Motors demonstrativ bis zum Anschlag nach vorn. Die Fähre erhält einen Ruck. Heute hat er es nicht eilig; er nimmt das Gas sogleich wieder zurück.

    Ortsmarken Google-Earth

    Ortsmarken Google-Earth

    Ausgangspunkt in Buenos Aires
    Obelisk in Buenos Aires

    Etappenort in Uruguay
    Colonia

    Etappenort in Bolivien
    Santa Cruz

    Zwischenhalt am Titicacasee
    Copacabana

    Etappenort im Hochland von Peru
    Ayacucho

    Der «Park der Liebe» in Lima, Peru
    Parque del Amor

    Hotel Gran Mare, Máncora, Peru
    Máncora

    Zwischenhalt in Guayaquil, Ecuador
    Guayaquil

    Unfreiwillige Übernachtung im Auto am Grenzübergang
    Rumichaco

    Zwischenhalt in Cartago, Kolumbien
    Cartago

    Ungewollter Abstecher in Kolumbien, Ríosucio
    Riosucio

    Am Platz des Lichts, Medllín
    Medellin

    Am Karibikstrand in Rodadero bei Santa Marta

    Das verträumte Taganga

    Cartagena, Kolumbien
    Cartagena

    Panama Stadt, Panama

    La Libertad, Salvador

    Puerto Angel, Mexiko

    Mazatlán, Mexiko.

    Tijuana, Mexico

    Corral Tombstone, Arizona

    Pampa, Texas

    The Keeper of The Plains, Wichita, Kansas

    Arabia Steamboat Museum, Kansas City, Missouri

    National Underground Railroad Freedom Center, Cincinnati, Ohio

    Zielort in Washington
    Obelisk in Washington

    (Sie benötigen Google-Earth, um diese Ortsmarken zu öffnen: Download Google-Earth)

    Die Distanz im Vogelflug misst 8352 Kilometer oder 5189 Meilen. Auf der Strasse werden es mehr als doppelt so viele. Eine vorläufige Beschreibung der Route, von der unterwegs sich einige Abweichungen ergeben dürften, finden Sie hier.


    Jener Teil von West Virginia ist sichtlich weniger begütert als das benachbarte Ohio. Man fährt durch wunderbare Wälder und Auen, über Hügel und Berge, die Alleghenies, einen Ausläufer der Appalachen. Je näher der Grossraum von Washington rückt, desto gepflegter und grösser sind die Häuser. Hier fanden im Bürgerkrieg zahlreiche Scharmützel und Schlachten statt. Bald wird die Landschaft zu einem Park mit Gestüten, Villen, bedeutend wirkenden Zäunen und Portalen. Danach übernimmt Suburbia die Herrschaft, ausgedehnte Siedlungen, Einkaufszentren, Parkplätze, Tankstellen, Kreuzungen, Lichtsignale.

    Ich verlasse die Route 50, der ich seit Cincinnati gefolgt bin, und begebe mich für die letzten Meilen auf den Interstate 66 East, auf dem man schneller voran kommt. Ich will nun ANKOMMEN!

    Kurz vor dem Potomac, der Virginia von DC trennt, vereint sich die Route 50 mit dem I 66. Auf der Brücke über den Fluss grüsst über Baumwipfeln mein Zielpunkt: der Obelisk von Washington.

    Vom I 66 gelangt man geradewegs auf die Constitution Avenue, die verkehrstechnisch ein Stück der Route 50 darstellt. Die Constitution Ave. begrenzt auf der Nordseite die Mall, jenen gigantischen urbanen Raum zwischen dem Lincoln-Denkmal und dem Kapitol, in dessen Längsachse der Obelisk steht.

    Im Unterschied zu den anderen Städten der Vereinigten Staaten, die auf meinem Weg lagen, ist das Autofahren in Georgetown, einem der attraktivsten Viertel Washingtons, mühselig. Es herrscht oft Stau. Der Verkehr rollt gemächlich dahin, die Leute haben es – so will es scheinen – ganz und gar nicht eilig. Ich merke, wie mich die Jahre in der nervösen und automobilistisch aggressiven Metropole Buenos Aires geprägt haben. Mir kommt vor, das gehe hier alles viel zu langsam, und ich ertappe mich, wie ich im Kolonnenverkehr die Lücke suche, die ich ausfüllen muss, ehe ein anderer hinein drängt. Das Drängeln kommt hier zwar auch vor, aber nicht häufig. Relax!

    Washington erscheint als eine Gartenstadt mit viel freiem, öffentlichem Raum. Der ehemalige C & O Canal zum Beispiel, der die Flüsse Chesapeake und Potomac mit dem Ohio hätte verbinden sollen, ist heute ein Freizeit-Paradies, das in Georgetown beginnt. Georgetown war lange eine selbständige Gemeinde, ein Hafen und ein Ort entstehender Industrie.

    Der Bau des Kanals dauerte von 1828 bis 1850. Der Wasserweg diente unter anderem zum Transport von Kohle und Getreide aus dem Hinterland. Seine geschäftigste Zeit fiel in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts, als etwa 2000 Maultiere Hunderte von Schiffen hin und her schleppten. Heute ist der Saumpfad entlang dem C & O Canal, auf dem einst die Zugtiere keuchten, ein 297 Kilometer langer Spazier-, Jogging- oder Radweg.

    Ich traue meinen Ohren nicht, als ich, ganz am Anfang dieses Wegs rennend, von hinten eine weibliche Stimme höre: «On your left, Sir!» Eine Velofahrerin mit Waden wie aus dem Anatomieatlas zischt links an mir vorbei. Die Erfahrung wiederholte sich mehrfach: Längst nicht alle, aber etliche Velofahrer kündigen sich dem Fussgänger durch Zuruf von hinten an!

    Das ist für den Argentinier in mir ein Verhalten wie aus einem Parallel-Universum. Ich bin es mich aus Buenos Aires gewohnt, dass mich der Bus über den Haufen fährt; ich im Geländewagen fahre jedes lächerliche Auto über den Haufen und Fussgänger sind für uns alle, die wir weiter oben in der Hackordnung thronen, eine vernachlässigbare Belästigung, die man verscheucht, indem man nicht bremst. Velofahrer gibt es praktisch keine, weil Argentinier nicht zum Selbstmord neigen.

    Respekt für den Anderen, ungeachtet von dessen Eigenschaften – eine auf Gipfelhöhen leuchtende republikanische Errungenschaft! Als leidenschaftlicher Verfechter republikanischer Prinzipien beschliesse ich, mich da, in Washington, stracks zu ent-argentinisieren. Um den Schock der Entwöhnung zu mildern, gewähre ich mir in einer Bar in Georgetown einen Pisco Sour – klarerweise ein Akt unerlaubter Wehmut nach der entschwundenen Welt Perus, des Landes der aggressivsten Autofahrer.

    Zuvor hatte ich – ohne es zu merken – Elixier aus einem Jungbrunnen in mich geschüttet: Die Blondine hinter dem Tresen will allen Ernstes mein Geburtsdatum auf einem offiziellen Ausweis überprüfen, um zu eruieren, ob ich zum Genuss geistigen Getränks befugt sei. Ich war bestimmt anderthalb Mal volljährig, ehe sie überhaupt das Licht der Welt wahrnahm. Diese Abart von «Free»dom werde ich bei einigen Piscos noch ein bisschen einüben müssen, den Ausweis als lernwilliger Gringo griffbereit.

    Doch let's put it this way: Was für ein jugendlich-vielversprechender Empfang in meiner neuen Heimatstadt!

     

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