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  • 25. November 2008, 14:31, NZZ Online

    Die Erkundungsmission

    Die Erkundungsmission

    Freiluftkino am Abend

    Rebellen mit einer geladenen Stalinorgel. Rebellen mit einer geladenen Stalinorgel. (Bild: Kurt Pelda)
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    Die Rebellen der Sudan Liberation Army bereiten eine Attacke auf einen Armeestützpunkt vor. Fast täglich erhalten sie Verstärkung durch weitere Kampfgruppen. Während ein Kommandant die Militärbasis ausspioniert, wartet der Rest der Truppe auf den Befehl zum Angriff.

    Von Kurt Pelda

    Das Wadi, in dem die Rebellen ihr Lager aufgeschlagen haben, liegt in einer grossen Ebene. Hier und dort ragen Hügel und schroffe Felsformationen aus der Halbwüste. So kurz nach der Regenzeit gibt es immer noch jede Menge ausgedörrtes Gras. Für den Fall von Luftangriffen haben die Freischärler ihre Pick-ups in grossem Abstand voneinander unter stachligen Schirmakazien parkiert, nie mehr als einer aufs Mal. So fällt es schwer abzuschätzen, über wie viele Fahrzeuge und Kämpfer die Sudan Liberation Army in dem Gebiet verfügt.

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    Knappes Wasser

    Blick auf den Berg mit dem Militärstützpunkt von Dreshigue.

    Es gibt nicht viel zu essen, und auch Wasser ist knapp. Es muss aus knapp 20 Kilometer Entfernung herangeschafft werden. Die Gegend ist zu trocken, als dass man – wie andernorts in Darfur – einfach in einem Wadi ein Loch gräbt, bis man in ein bis zwei Metern Tiefe auf Wasser stösst. Der Wasserverbrauch liegt deshalb weit unter den Limiten von 7 bzw. 15 Litern pro Kopf und Tag, wie sie die Weltgesundheitsorganisation vorschreibt.

    Zum ersten Mal in sechs Tagen komme ich dazu, eine «Dusche» zu nehmen – mit 10 Litern Wasser, das ich mir mit einer aufgeschnittenen Plasticflasche über den Kopf schütte. Den Kämpfern geht es nicht besser. Am Morgen waschen sie sich Gesicht und Hände mit dem Wasser, das sie in einem Benzinfass vom nächsten Brunnen mitgebracht haben. Die hellbraune Flüssigkeit riecht genau so, wie man sich Wasser aus einem Benzinfass vorstellt. Bleibt nur zu hoffen, dass der beissende Geruch die allgegenwärtigen Fliegen auf Distanz hält.

    Eintöniger Tagesablauf

    Auf der Jagd nach Ersatzteilen wird ein alter Motor ausgeschlachtet.

    Die Rebellen machen schon am frühen Morgen Feuer und kochen Tee. Manche von ihnen suchen sich danach einen Baum am Wadi, der ihnen den ganzen Tag über Schatten spendet. Im weichen Sand des Flussbetts legen sie sich wieder auf ihre Zeltplanen, ziehen die Schlafdecke gegen die Fliegen über den Kopf, und verbringen einen grossen Teil des Tags dösend. Auch bei mir gleicht ein Tag dem andern. Sobald die Sonne über den Bäumen steht, stelle ich meine Solarpanels auf, mit denen ich die Batterien von Laptop, Satellitenmodem, Telefon und Kamera auflade. Das spricht sich schnell herum. Aus der ganzen Gegend kommen Rebellen und wünschen, dass ich auch ihre Satellitentelefone auflade. Weil alle Leute hier dieselbe Marke benützen, stellt das kein Problem dar. Meistens schaue ich mir nach Sonnenuntergang die während des Tags geschossenen Bilder und Videosequenzen an. Bei Tageslicht wäre es zu hell, um am Computer Details erkennen zu können. Am Abend bilden sich deshalb Menschentrauben hinter mir, um einen Blick auf den kleinen Bildschirm zu werfen. Für die Freischärler ist das wie Freiluftkino.

    Kommandant Riwa mit seinem erbeuteten Pick-up.

    Einige der Kämpfer habe ich schon auf meiner letztjährigen Reise getroffen. Ihnen habe ich ihre Fotos von damals mitgebracht. Im Kreis sitzen die Männer nun im Sand und schauen sich verzückt die Bilder an. Jeder will mindestens eines davon mitnehmen, auch wenn er selbst nicht abgebildet ist. Die Leute wünschten sich einfach, eine Foto zu besitzen, erklärt mir Ibrahim, der Übersetzer.

    Autofahren mit der Taschenlampe

    Ein Schaf als Bereicherung des Speisezettels.

    In Sichtweite vom improvisierten Rebellenlager liegt in etwas mehr als 15 Kilometern Entfernung das Dorf Dreshigue. Auch dort gäbe es einen Brunnen, doch können die Freischärler nicht dahin fahren. Grund ist ein Militärstützpunkt, der neben dem Dorf an einem Berghang liegt. Das Dorf ist vom Rebellencamp nicht zu sehen, aber der höher gelegene Stützpunkt schon. Nachts schalten die Freischärler deshalb die Scheinwerfer ihrer Pick-ups nie ein. Der Beifahrer hängt sich vielmehr aus dem offenen Fenster und beleuchtet den Weg mit einer Taschenlampe.

    Fast jeden Tag treffen weitere Pick-ups als Verstärkung ein. Einmal ist es ein Toyota, auf dessen Ladefläche eine Stalinorgel, also ein Mehrfachraketenwerfer, festgeschweisst ist. Dann kommen Pick-ups, deren Fahrerhäuschen abgeschnitten wurden, um Platz zu schaffen für ein rückstossfreies Geschütz mit einem langen Rohr. «Fabrica de Artilleria de Sevilla» ist im Stahl eingraviert. An den Funkantennen, die vorne an der Kühlerhaube der Toyotas angebracht sind, erkennt man, dass es sich um Fahrzeuge handelt, welche die Rebellen von der sudanesischen Armee erbeutet haben. Unter ihnen ist auch eines der brandneuen Toyota-Modelle, das nun aber zur Tarnung mit Lehm beschmiert ist.

    Etappen auf den Spuren der Rebellen

    Etappen auf den Spuren der Rebellen

    15. November 2008

    Ohne Satellitentelefon geht gar nichts

    18. November 2008

    Schiessübung in der Nacht

    19. November 2008

    Vogelgezwitscher und Bomben

    24. November 2008

    Die Erkundungsmission

    25. November 2008

    Die Schlacht der betrunkenen Wüstenfüchse

    Mir sagt zwar niemand, worauf sich die Rebellen vorbereiten, aber es scheint mir doch klar zu sein, dass es um einen Angriff auf den Stützpunkt von Dreshigue gehen muss. Diese Ortschaft und das benachbarte Hilef hat die Armee Ende Oktober eingenommen und die Rebellen damit von einer wichtigen Wasserstelle abgeschnitten. In Dreshigue gibt es zwar noch immer Zivilisten, doch ist ein Teil der Bevölkerung der beiden Dörfer in die umliegende Halbwüste geflüchtet und fristet dort ein karges Dasein. Während die Rebellen die 20 Kilometer zum nächsten Brunnen im Pick-up fahren, müssen das die geflüchteten Frauen zu Fuss oder mit dem Esel tun.

    Befestigte Zeltstadt

    Eine willkommene Abwechslung in meinem Alltag – zwischen Solarpanels nach der Sonne richten und meine Reiseberichte schreiben – bietet sich durch einen Besuch von Kommandant Riwa. Er nimmt mich mit seinem Pick-up mit, und dann fahren wir etwa 10 Kilometer näher an den Militärstützpunkt heran. Unterwegs sehen wir die improvisierten Behausungen der Flüchtlinge. Einige von ihnen haben sich in einem bereits bestehenden Weiler aus Strohhütten niedergelassen – vielleicht bei Verwandten. Ihre Hütten lassen sich anhand der Farbe leicht von den alten unterscheiden. Neues Stroh ist hell, altes dagegen grau-schwarz.

    Im Schatten eines Baums lässt Riwa den Toyota und die meisten seiner Kämpfer stehen. Von dort gehen wir zu Fuss noch etwa 2 Kilometer weiter in Richtung des Stützpunkts. Riwa hat einen guten Zeitpunkt ausgewählt. Wir nähern uns dem Lager mit der Sonne im Rücken. Graue Militärzelte sind nun von blossem Auge erkennbar. Die bereits tiefstehende Sonne dürfte aber verhindern, dass uns die Wachen sehen. Durch den Feldstecher beobachtet der Kommandant die Festung lange. Man kann Stellungen erkennen, und auf einem der Zelte ist ein Gerät angebracht, bei dem es sich um eine Satellitenschüssel handeln könnte. Manchmal verlassen Lastwagen das Lager oder kommen an. Nur die Pick-ups mit den aufmontierten schweren Maschinengewehren sind zu gut versteckt, als dass sie sichtbar wären. Und genau um diese Fahrzeuge geht es den Rebellen in erster Linie. Mit ihnen wollen sie ihr Arsenal verstärken.

     

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