Mittwoch, 07. Januar 2009, 06:20:42 Uhr, NZZ Online
Manfred Rist berichtet von einer gigantischen Baustelle zur Unzeit
Der in Geldnöten steckende amerikanische Kasinobetreiber Las Vegas Sands bekräftigt derzeit praktisch täglich, dass er trotz der Finanzkrise an einem ambitiösen Kasino-Projekt in Singapur festhalten will. Von dem in Zeiten der Hochkonjunktur geplanten Vorhaben, das ursprünglich Ende 2009 - neu in etwa zwei Jahren - eingeweiht werden sollte, ist derzeit ausser einer gigantischen Baustelle noch recht wenig zu sehen. Die riesigen Betontürme, die erst schemenhaft aus der Baugrube hervorragen, werden hier bereits als «Grabsteine» für die Dollar-Milliarden bezeichnet.
Der weltweit grösste Betreiber von Spielhöllen hat im Stadtstaat vor kurzem mit der Ausschreibung von Arbeitsstellen begonnen. Das wirkt zwar am Arbeitsmarkt aufhellend und beruhigt die Regierung, die mit dem Kasino-Projekt das touristische Angebot erweitern und das etwas biedere Image der Metropole abstreifen will. Doch in der gegenwärtigen Konjunkturlage, die ein Unternehmen nach dem anderen zur Redimensionierung zwingt, wirkt das Unterfangen noch eine Spur kühner als vor Jahresfrist.
Inzwischen präsentieren sich die Überlebenschancen von Las Vegas Sands immerhin etwas besser; dem Konzern, der vom 75jährigen Hauptaktionär Sheldon Adelson kontrolliert wird, ist es nämlich gelungen, 2 Mrd.$ zu beschaffen. Zudem hat das Unternehmen in der ehemaligen portugiesischen Kolonie Macau, wo bereits die zwei weltweit grössten Spielhöllen unterhalten werden, den Bau eines mit 12 Mrd.$ budgetierten Kasinoprojekts suspendiert. Die Ressourcen sollen auf das Singapurer Vorhaben konzentriert werden.
Doch die Krise, die das Gewerbe mit dem Glücksspiel erfasst hat, ist nicht zu übersehen und mahnt zur Skepsis: In Las Vegas stehen die Hotels leer und die Besucherzahlen sind um mehr als die Hälfte eingebrochen. Auch Macau leidet unter der Finanzkrise: die Depression hat nämlich Asien erfasst und der Entscheid der chinesischen Regierung, der wachsenden Spiellust der eigenen Bürger mit einer Verschärfung der Visapolitik zu begegnen, hat die Umsätze in Macau zusätzlich einbrechen lassen.
Ob sich die hohen Erwartungen in Singapur erfüllen werden, wird sich deshalb weisen müssen. Hier soll 2011 gar ein zweites Kasino, das vom malaysischen Konzern Genting International betrieben werden wird, seine Pforten öffnen. Im einen wie im anderen Fall haben die Investoren auf die sagenhafte Geldspiel-Versessenheit der Asiaten gesetzt. Und natürlich darauf, dass eine boomenden Wirtschaft weiterhin munter Dollar-Millionäre produziert. Mit letzterem ist bis auf weiteres wohl Schluss. Auch die Korrektur an den Weltbörsen trägt dazu bei, dass dem einen oder anderen die Lust aufs Risiko vergangen ist.
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Spielhölle und Rezession
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