Dienstag, 06. Januar 2009, 22:05:06 Uhr, NZZ Online
Mittelfristig eine aktive und professionell agierende Investorengruppe
Von Zoé Baches
Sowohl das Interesse auf Seiten der Staatsfonds an neuen Anlagemöglichkeiten als auch das auf Seiten der Unternehmen, die stabile Ankerinvestoren suchen, habe in den letzten Monaten erheblich zugenommen, sagt Stefan Huettermann, Investmentbanker der Credit Suisse, gegenüber NZZ Online. Die Credit Suisse stellte dieser Tage interessierten Kunden in Deutschland das Thema «Staatsfonds» näher vor.
«Wir erhalten vermehrt Anrufe von Staatsfonds, die Interesse an einer Kapitalmarkttransaktion in Europa, aber auch in der Schweiz zeigen», sagt auch Louis Siegrist, Partner und Leiter von Transaction Advisory Services bei Ernst & Young Schweiz. Vor allem das Interesse von Fonds aus Asien, dem Nahen Osten und Russland habe zugenommen. Noch würde Ernst & Young mit Anfragen nicht überrannt, doch zeichne sich ein Trend ab.
Der Leiter der Corporate Finance Abteilung von KPMG Schweiz, Patrick Kerler, geht davon aus, dass die Staatsfonds in den nächsten Jahren noch massiv wachsen und zu einer starken Kraft werden, mit der man rechnen müsse. Besonders interessante Möglichkeiten eröffne das den Wachstumsindustrien, die viele Mittel benötigen, aber auch zur Lancierung von kapitalintensiven Grossprojekten insbesondere im Energiebereich. Kerler spürt bei den Staatsfonds besonders grosses Interesse an Transaktionen in den Bereichen Energie, Rohstoffe und Financial Services.
Beat Bühlmann, Partner beim auf alternative Anlagen fokussierten Investment-Manager Horizon21, ist überzeugt, dass Staatsfonds in einigen Jahren genau so professionell und aktiv agieren werden wie Private Equity und Hedge-Funds. «Wir verfolgen die Entwicklung sehr genau, zum einen, weil es sich bei diesen Fonds um mögliche Kunden, zum anderen, weil es sich bei ihnen um potenzielle Konkurrenten handelt» erklärt Bühlmann.
Weltweit halten Staatsfonds Gelder von schätzungsweise 2200 bis 3000 Milliarden US-Dollar. Das ist bereits um einiges mehr als die gesamte Private Equity Branche, die rund 1200 bis 1500 Mrd. US-Dollar verwaltet, aber auch die globale Hedge-Funds-Industrie mit geschätzten 1500 Mrd. US-Dollar. Der grosse Teil der Gelder wird von den grössten zwanzig Staatsfonds verwaltet.
Horizon21 geht davon aus, dass die verwalteten Vermögen der staatlichen Fonds in den letzten drei Jahren 25 bis 35 Prozent jährlich gewachsen sind. Gründe sind der boomende Rohstoffbereich, insbesondere das Öl, die Devisenreserven und das Bestreben einiger Staaten, sich aus dem Dollar zu diversifizieren und nicht zuletzt die gute Performance der Aktienmärkte der letzten Jahre. Horizon21 rechnet damit, dass diese enorme Wachstumsdynamik anhalten wird.
Die Credit Suisse (CS) geht sogar davon aus, dass die verwalteten Vermögen der Fonds in den kommenden fünf Jahren fünfmal so gross wie heute sein werden – die Grossbank schätzt, dass im Jahr 2012 die Staatsfonds weltweit total 12 000 Mrd. US-Dollar verwalten werden. Die Zahlen der CS beruhen auf Schätzungen des internationalen Währungsfonds.
Die Befragten sind davon überzeugt, dass es sich nur um eine Frage der Zeit handelt, bis sich die Staatsfonds wie Private Equity und Hedge-Funds vermehrt strategisch betätigen wollen. Staatsfonds würden ein wachsendes Interesse an grösseren Investitionen inklusive dem Überschreiten von Meldeschwellen bekunden, wird denn auch bestätigt.
Noch handelt es sich bei den Staatsfonds vorwiegend um sehr stille Investoren. So sind Staatsfonds wie aus Kuwait, Abu Dhabi und Singapur zwar seit Jahrzehnten weltweit investiert. Doch agierten sie bisher ausgesprochen diskret. Trotz der teils enormen Grösse ihrer Investitionen wollten sie bisher keinen operativen Einfluss auf ein Unternehmen nehmen und einen Repräsentanten in den Verwaltungsrat setzen. Als Grund dafür wird die Scheu vor Publizität genannt.
Diese Scheu werde in einigen Jahren ein Thema der Vergangenheit, sind Banker und Berater überzeugt. So treten jüngere Fonds aus China und Russland seit einigen Monaten prominenter und aggressiver am Markt auf. Horizon21 betont, dass einige Staatsfonds angefangen haben, direkt in Transaktionen in Private Equity zu investieren. Auch Huettermann von Credit Suisse bestätigt, dass seitens der Staatsfonds ein wachsendes Interesse am sogenannten «more-Western-Style-investing» bestehe, am investieren wie im Westen.
Huettermann verweist darauf, dass die Staatsfonds ihre Rendite mit professionellerem Wissen verbessern wollen. Die Performance der bisherigen Investitionen seitens der Staatsfonds sei vor allem in den letzten zwölf Monaten bescheiden gewesen. Die Staatsfonds wüssten, dass das auch mit der mangelnden Zahl von internen Fachkräften zusammenhänge – der Grossteil arbeite mit einem Netzwerk von externen Beratern.
Staatsfonds hätten angefangen, Portfoliomanager und weitere Fachkräfte aus Private Equity und der Hedge-Fonds-Branche abzuwerben, bestätigen Horizon21 und die CS. So suche beispielsweise der Chinesische Staatsfonds CIC auf seiner Homepage europäische und globale Aktienspezialisten. Diese Entwicklung werde sich verstärkten, sind sich Huettermann, Siegrist, Kerler und Bühlmann einig.
Die Fusions- und Übernahmeberatungsabteilungen von Ernst & Young und KPMG bereiten sich heute darauf vor, dass die Staatsfonds mittelfristig zu einem wichtigen Arbeitgeber und zu einer eigenen aktiven Investorengruppe werden.
Auch Bühlmann von Horizon21 geht davon aus, dass der Einfluss der Staatsfonds auf die Private-Equity- und die Hedge-Fonds-Branche «massiv» sein werde. Er verweist darauf, dass bereits heute gut 10 Prozent des weltweiten Private-Equity-Marktes, im Umfang von 1200 bis 1500 Mrd. US-Dollar aus den Staatsfonds kommen.
Horizon21 rechnet damit, dass es verstärkt zu Partnerschaften wie zwischen Blackstone und dem chinesischen Staatsfonds CIC kommen wird. Bei Blackstone sei es bereits zu einem einseitigen Wissenstransfer weg zu den Chinesen und damit einem Abfluss von Talenten gekommen. «Unsere Industrie ist klug und weiss, dass sich bei den Staatsfonds ein riesiger Pool an Kapital befindet» , ist Bühlmann aber überzeugt. Private Equity würde Wege suchen, enger mit den Fonds zusammenarbeiten. Auch Huettermann erachtet es als logisch, wenn sich mittelfristig das Wissen auf Seiten Private Equity und die Gelder auf Seiten Staatsfonds zusammentun.
Angesichts der globalen Finanzsituation hat die Private-Equity-Branche grössere Schwierigkeiten, sich mit Liquidität zu versorgen. Staatsfonds gelten demgegenüber als äusserst attraktive Investoren, da sie über fast unbegrenzte eigene Mittel und einen viel längeren Anlagehorizont verfügen. Auch gibt es keine Aktionäre, die plötzlich ihr Geld abziehen wollen und noch kaum juristische Restriktionen, wenigstens bisher, auch in Bezug auf die Transparenz.
Noch stehen diese Entwicklungen erst am Beginn. Werner Kuhn, Leiter Investment Banking Department Schweiz UBS, bei dem alle Beteiligungen mit strategischem Charakter in der Schweiz über den Tisch gehen, sieht noch keine verstärkten strategischen Interessen von Staatsfonds. Sichtbar seien die Staatsfonds im Asset Management, wo sie ja seit langem mit Beteiligungen tätig seien, und bei Beteiligungen in verschiedenen Unternehmen. Hier seien Staatsfonds bis zu einem bis zwei Prozent «überall dabei», nicht aber bei Beteiligungen über der Meldeschwelle von 3 Prozent.
Auch Ray Soudah, Chef des Finanzberaters Millenium Associates, glaubt, dass Staatsfonds, wenigstens in der nächsten Zeit, nur als Reaktion auf ein Bedürfnis zum Beispiel nach mehr Kapital einspringen werden, wie das im Fall des Singapurer GIC bei der UBS der Fall war. Ausschliessen, dass die Staatsfonds künftige Interessen als strategische Investoren haben, wollen aber beide nicht.
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